Zurück in die Vergangenheit mit Blick auf die Zukunft_

 Zurück in die Vergangenheit mit Blick auf die Zukunft, Text von Anita Wünschmann

« Baumeister der Revolution » im Martin-Gropius-Bau

Einfach fotogen! Der vom Architekten Wladimir Schuchow (1973-1949)filigran konstruierte, wunderbar leicht wirkende Schabolowka-Funkturm(1919 bis 1922) wurde das Zeugnis des neuen Bauens nach der Revolution schlechthin. Alexander Rodtschenko hatte ihm seinerzeit gleich einen Film gewidmet. 1998 lichtet der britische Architekturfotograf Richard Pare die 150 Meter hohe Stahlkonstruktion ab und findet eine Perspektive, die Dynamik und Detail optisch rasant verbindet.

Richard Pare ist seit den Neunzigern in St. Petersburg, Moskau, Sotschi und Jekaterinenburg auf Pirsch gegangen und hat sich mit der Kamera und tiefer Sympathie den Zeugnissen der russischen Architekturavantgarde genähert und diese mal eindrucksvoll porträtiert, mal Details nachspürend ins Bild gesetzt. Mit seinen Fotografien ermöglicht er einen virtuellen Spaziergang zu den Baudenkmälern einer der aufregendsten Zeit. Darüber hinaus verbindet die Schau im Martin-Gropius-Bau die zeitgenössische Spurensuche mit Vintageprints aus dem legendären Architekturmuseum A.W. Schtschusew in Moskau, einer Schatzkammer mit morbidem Charme und schmalen Mitteln, die das geistige Erbe einer visionären Baukultur beherbergt sowie mit russischen Avantgarde-Kostbarkeiten aus der berühmten Sammlung Costakis im Staatlichen Museum für zeitgenössische Kunst Thessaloniki.

Das große Experiment

Der Besucher kann sich ein differenziertes Bild machen von den Erfindungen der sowjetischen Architekturpioniere, die der gesellschaftlichen Utopie mit ihren Bauten zum Durchbruch verhelfen wollten. Mit Optimismus gingen sie daran, einen zukunftsweisenden Ausdruck zu finden für Städte, die zuvor noch gar nicht existierten oder die rasant wuchsen, für Industrien, die  nahezu wörtlich aus dem Boden zu stampfen waren, für das neue Leben der Menschen in/mit Kommunalwohnungen, Sportanlagen, Freizeitpalästen, Großküchen und Sanatorien sowie Partei – und Verwaltungsbauten. Die  Phase von 1922 bis 1935 gilt in jeder Hinsicht und mit Lenins Neuer Ökonomischer Politik (NÖP)- als großes Experiment und architektonisch als die kreativste der Sowjetzeit. Sie ist verbunden mit Namen wie etwa Konstantin Melnikow, Alexander Wesnin, Igor Fomin oder dem Begründer des Konstruktivismus, Moisei Ginsburg. Die Architekten schlossen sich in Verbänden wie der Assoziation Neuer Architekten(Rationalisten)unter Leitung Nikolai Landowskis oder dem Moskauer Verband moderner Architekten(Konstruktivisten) und rangen um die jeweiligen ästhetischen Prämissen und die Ausschöpfung des technologischen Potentials. Gerade Letzteres, so betont es auch Richard Pare, war eine große Herausforderung für die Architekten. (siehe Katalog zur Ausstellung) Vor allem mangelte es an Stahl, so dass Stahlskelettkonzepte (wie Erich Mendelsohns Textilfabrik im damaligen Leningrad) gelegentlich mit Holz ausgeführt werden mussten. Mittelalterliche Technologie und modernes Denken, Fachkräfte und (massenhaft)Laien – das waren die realen Bedingungen des jungen sowjetischen Bauens. Das Experiment als Ganzes nahm daran keinen Abbruch und wurde selbst im Ausland mit Interesse verfolgt. Sergei Eisensteins Filme, Le Corbusiers Zeitschrift « L’Esprit Nouveau », die Teilnahme der Sowjets an der Exposition Internationale des Arts De’coratifs et Industriels Modernes in Paris, Bücher von Ilja Ehrenburg, bzw. Ingenieursreisen von West nach Ost usw. – nicht zuletzt auch Wettbewerbsausschreibungen machten das neue Bauen im Westen populär. Heute allerdings sind die Namen und Bauten der Avantgardearchitekten fast nur noch einem Fachpublikum bekannt.

 

Wohnmaschinen, Türme und vieles mehr

Der  Narkomfin-Wohnblock in Moskau, der 1930  von Moisei Ginsburg und Ignati Milinis nach Le Corbusiers Fünf-Punkte-Konzept  erbaut wurde, kann als erste Wohnmaschine gelten, selbst wenn der Name noch nicht erfunden war.  Der Schweizer nahm den Pionierbau wiederum als Anregung für seine Unité d’Habitation (ab1947 in Marseille). Die sowjetische « Wohnmaschine » gilt als Meisterwerk des Jahrhunderts und war ein Paradebeispiel für Gemeinschaftswohnungen mit variablen Räumen und breiten Fluren, (zumindest konzipierten) Dachterrassen und den typischen breiten Fensterbändern. Die eigentlich spannenden, weil sozialen Innovationen bestanden im integrierten Alltagsangebot: Gemeinschaftskantine, Kindertagesstätte, Sporthalle und Waschküche sollten das Leben von jungen Familien erleichtern bzw. neue Lebensformen über die (bürgerliche)Familie hinaus ermöglichen. Das ist ein Denkansatz, der in seiner Radikalität zwar keinen Bestand hatte aber als Modell auch neunzig Jahre später nachdenkenswert ist.

Von Konstantin Melnikow beeindruckt das 1927 erbaute vor energetisch verschachtelten Volumen strotzende Rusakow-Arbeiterclubhaus in Moskau – Zeugnis eines komplexen staatlich geförderten Kulturprogramms. Analphabetisierung  und Bildung waren dabei nicht allein Ideal sondern auch überlebenswichtige Zukunftsinvestitionen. Atemberaubend seine konstruktiv-symbolische Garage im Moskauer Stadtzentrum, die dem einstigen rasanten, aus heutiger Sicht bescheidenen Verkehrszuwachs diente. Moisej Rejscher baute 1929 einen weißen Wasserturm in Jekaterinenburg für die Uralmasch-Werke, der es ob seiner skulpturalen Schlichtheit noch mit jedem vom Ehepaar Becher abgelichteten US-Exemplar aufnehmen kann. Eindrucksvoll in Ihrer Klarheit ist die Großbäckerei von Georgi Marsakow.

Der enorme Aufschwung im Rahmen des ersten Fünf-Jahresplans hatte längst nicht nur bei Linken für Bewunderung gesorgt sondern auch im Ausland bei etlichen Firmen zu vollen Auftragsbüchern geführt. Allein das amerikanische Architekturbüro Albert Kahn Associates aus Detroit, war mit der Planung von knapp sechshundert Fabriken in der gesamten Sowjetunion betraut – das ist ein Bauvolumen, das man heute vergleichsweise mit China verbindet.

Vor allem aber wurden Bauhaus-Architekten wie der Schweizer Hanns Meyer und Walter Gropius, die ohnehin in engem Kontakt mit ihren sowjetischen Künstler- und Architekturkollegen befanden, eingeladen, sich am Aufbau des sozialistischen Staates zu beteiligen. (Hanns Meyer war z. B. ab 1930 Hochschullehrer in Moskau und  Mitplaner für Birobidschan, der Jüdischen Autonome Republik am Pazifik. Erich Mendelsohn hinterließ seine Spuren mit der Textilfabrik « Rotes Banner » für das einstige Leningrad, obwohl er nach der Planung ob der o.g. Realisierungsbedingungen aus dem Projekt ausstieg.

Fliegende Trapeze

Kunst, Architektur und Design rangen an Hochschulen wie der WChuTEMAS, die von ihrem Ausbildungsprinzip wie das Weimarer und Dessauer Bauhaus strukturiert war,  um eine gemeinsame Sprache. Quadrate, Linien, Punkte und Kreise genügten, um sich über das Neue zu verständigen. Geistige Wegbereiter waren die Suprematisten – Malewitsch allen voran – und Konstruktivisten wie Ljubow Popowa etwa mit ihren « Raum-Kraft-Konstruktionen ». So einfach erscheint es mit wenigen Formen Bewegung und Raum zu skizzieren. Die Zeichenblätter sind dabei längst fragil und vergilbt.  Dabei galt nichts Geringeres als die kosmische Dimension als Maßstab und bitte schön fliegende Städte als eigentliche Vision. Wladimir Tatlin modellierte seinen aufregenden Turm mit beweglichen Räumen für die Dritte Internationale. Er ist das wohl bekannteste Projekt der Avantgarde, das allerdings nie ausgeführt wurde. Entwürfe mit Alltagsbezug  wie der « Lautsprecher Nr. 7 » (1922) von Gustav Kluzis mag man kurios finden.  Es erscheint ein elegant-skurriles Relikt aus einer anderen Zeit medialer Kommunikation, das an die Theatralik von Agitprop-Beschallung erinnert.

Weiße Zylinder

Und noch einmal Konstantin Melnikow(1880-1974). Er war das Entfant Terrible jener Jahre, galt als Einzelgänger und feierte bereits 1925 auf der Pariser Weltausstellung  mit  dem sowjetischen Pavillon Erfolge. Ebenso berühmt wie vom Zahn der Zeit benagt ist sein ursprünglich schneeweißes Wohn- und Atelierhaus (erbaut1927-1929). Die sich durchdringenden Zylinder wurden in Ziegelbauweise errichtet. Die variabel angeordneten sechseckigen Fenster waren derzeit ein Novum. Eine Enkelin Melnikovs wohnt im Familienbesitz des ob seiner Eigenständigkeit auch umstrittenen und letztlich von Stalin als Formalist gerügten  Baumeisters und müht sich um den Erhalt des « Meister »-Hauses. Jetzt muss gehandelt werden!  Solche Formulierung träfe den Sprachgestus jener Zeit.  Man  darf die durch Europa getourte architektur-historische Schau(Madrid, London) genau in diesem Sinn verstehen. Es geht dabei nicht allein um den schlichten Erhalt oder die notwendige Restaurierung etlicher der Baubeispiele, die zumeist ein Auf und Ab der Bewertungsgeschichte mit Ach und Krach nur überstanden haben, sondern um die (kritische)Weiterführung von Wertmaßstäbe aus  jener ästhetisch und sozial innovativen Phase.

Baumeister der Revolution Sowjetische Kunst und Architektur 1915-1935 Mit Fotografien von Richard Pare/Martin-Gropius-Bau,Niederkirchnerstr.7,10963 Berlin

5. April bis 9. Juli, Mi-Mo 10-19 Uhr

Katalog, Mehring Verlag, ca. 270 Seiten, 250 Abb., 25 Euro Museumsausgab

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