VON PFLANZEN UND MENSCHEN_


Fotografien aus dem Projekt „Gärten des Grauens – die erste Garten-Satire der Welt!“
redaktionell betreut von Ulf Soltau, seit 2017
Auf seiner Facebookseite nimmt der Berliner Botaniker Ulf Soltau die aktuelle Vorgartenkultur unter die Lupe und sammelt Fotos von „pflegeleichten“ Gärten. In den Blick geraten Einöden aus  Schotter und Stein, in denen weder Blumen noch Insekten leben. 

Obwohl Pflanzen für die Entwicklung der Menschheit eine existenzielle Rolle spielen, werden sie meist lediglich als Hintergrundkulisse unserer Zivilisation wahrgenommen. Die neue Sonderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums möchte das ändern und unternimmt eine umfassende, interdisziplinäre Annäherung an diese für uns wichtigsten Mit-Lebewesen – und das erstmals in der europäischen Museumslandschaft. Pflanzen sind so etwas wie die stummen Begleiter unseres Alltags: Wir ernähren uns von ihnen, beeinflussen unseren Stoffwechsel mit Genussmitteln wie Tee, Kaffee und Zucker, wir heilen unsere Krankheiten mit pflanzlichen Arzneimitteln und stellen unsere Kleidung oder unsere Häuser aus ihnen her. Unser Umgang mit den Pflanzen steht aber auch stellvertretend und geradezu symptomatisch für einen Aspekt des menschlichen Verhältnisses gegenüber der Natur: Bei aller Abhängigkeit von ihr leben wir so, als wäre die Vielfalt des Lebens auf der Erde unzerstörbar und unerschöpflich. Die derzeitigen ökologischen Krisen beweisen jedoch das Gegenteil. Die von der Kuratorin Kathrin Meyer konzipierte Ausstellung setzt zunächst im Alltag an. Ausgehend vom vermeintlich Bekannten beschreibt sie die immense kulturelle Bedeutung der Pflanzenwelt. Die Rolle des Menschen erfährt dabei eine Neubewertung: Statt als „Krone der Schöpfung“ erscheint er als ein Lebewesen unter vielen – als eines jedoch, das die Geschicke des Planeten dramatisch und zunehmend unumkehrbar prägt. Im sogenannten Anthropozän sägt der Mensch an dem Ast, auf dem er sitzt: Denn er ist es, der die Pflanzen zum Überleben braucht, während die Pflanzen auch ohne ihn existieren könnten – vielleicht sogar besser. Dieser Perspektivwechsel schlägt sich auch in der Architektur der Ausstellung nieder, die vom Leipziger Gestaltungsbüro Funkelbach stammt. In ihren drei Räumen sehen sich die Besucher*innen Abstraktionen überproportional vergrößerter Pflanzenteile gegenüber gestellt. Zusammengenommen ergeben sie das Bild einer Blume: von Wurzel und Stängel zu den Blättern bis zur Blüte als einem Symbol für die Zukunft.
Das erste Kapitel Zu den Wurzeln begibt sich zu den Ursprüngen allen Lebens: Modelle eines Cyanobakteriums sowie Fossilien aus dem Karbon illustrieren die evolutionäre Entwicklung von Pflanzen und die Anreicherung der Atmosphäre mit Sauerstoff. Erst dadurch wurde tierisches und später menschliches Leben überhaupt möglich. Das Kapitel beleuchtet die Theorien und Methoden, mit denen Pflanzen bestimmt und benannt werden, und es erläutert ihre elementaren Lebensvorgänge. Die neuere Forschung hat nachgewiesen, dass Pflanzen nicht passiv sind, sondern ihre Umwelt aktiv wahrnehmen und auf Veränderungen reagieren. Dabei verfügen sie über komplexe Anpassungsstrategien, mit denen sie ihre feste Verwurzelung – den wesentlichen Unterschied zu Mensch und Tier – ausgleichen können. Das zweite Kapitel Saat und Ernte thematisiert die Pflanze als Objekt, aus dem Arzneien, Nahrungsmitteln und Baustoffe gewonnen werden können. Die kommerzielle Nutzung von Heilpflanzen wird u.a. am Beispiel der aktuellen Debatten um Cannabis diskutiert. Der Schwerpunkt des Kapitels liegt jedoch auf der Landwirtschaft: Auf der züchterischen und gentechnischen Manipulierbarkeit von Pflanzen sowie auf der Gefährdung der Artenvielfalt durch Düngung, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und einseitige Anbaumethoden. Das letzte Kapitel Ins Grüne! Leben im planetarischen Garten führt Aspekte der Ökologie am Beispiel des Privatgartens zusammen, der als Bild für den gemeinschaftlichen „Erdgarten“ steht. Wie können wir dafür sorgen, dass künftig mehr Leben entsteht? Welche Bedürfnisse und Motivationen treiben uns an, wenn wir uns mit Pflanzen beschäftigen? Warum fördern wir die einen oder vernichten die anderen? Was können wir aus dem Umgang mit Pflanzen über unseren Umgang mit der Natur insgesamt erfahren? Der interdisziplinäre Streifzug durch die Welt der Pflanzen präsentiert auf 800 qm ganz unterschiedliche Exponatgruppen: Alltagsgegenstände, dokumentarisches Material, natur- und kulturhistorische Objekte, zeitgenössische und historische Foto- und Videoarbeiten, Zeichnungen und Gemälde als Leihgaben u. a. aus dem Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin, dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, dem Museum Ludwig in Köln, den Naturwissenschaftlichen Sammlungen der Martin-Luther-Universität HalleWittenberg, den Royal Botanical Gardens, Kew, den Staatlichen Museen zu Berlin, der Universität Wien und vieler anderer Institutionen und privater Sammler. Aus dem Bestand des Deutschen Hygiene-Museums werden botanische Pflanzenmodelle gezeigt sowie ein einzigartiges Stück aus der Sammlung Schwarzkopf, das nach seiner Restaurierung erstmals ausgestellt wird: ein dreidimensionales Gartenmodell aus dem frühen 20. Jahrhundert, das aus farbigem Haar gefertigt wurde und mehr als 250 Pflanzen darstellt. Zudem wurde für die Ausstellung die Produktion von drei Kurzfilmen in Auftrag gegeben: eine Animation über pflanzliche Kommunikation (Plant Signaling), ein Film über die Züchtungsgeschichte sowie die Parodie einer Demoversion für ein Videospiel, in dem eine Hummel in pflanzenlosen Vorgärten um ihr Überleben kämpft. Zum Mitmachen regen in der Ausstellung interaktive Stationen an, an denen die Besucher*innen beispielsweise das Wachstum der Titanwurz – der größten Blüte der Welt – durch Bewegungen in Gang setzen und steuern können. An einem Glücksrad geht es darum, die vielfältigen Bedeutungen der Blumensprache zu erfahren. Und an der Installation „trees/treelab“ des Schweizer Künstlers Marcus Maeder kann man die Geräusche im Inneren von Bäumen hören und die Soundspur selbst steuern.
KÜNSTLERINNEN UND KÜNSTLER IN DER AUSSTELLUNG
John Baldessari, Alberto Baraya, André Bayard, Karl Blossfeldt, Susanne Bürner, Samuel Butler, Karen Cantú, Martin Claßen, Roald Dahl, Arno Drescher, Mat Hennek, Alessandro Holler, Volker Kreidler, Jochen Lempert, Liisa Lounila, Richard Lowenberg, Marcus Maeder, Antje Majewski, Siobhán McDonald, Margaret Mee, Uriel Orlow, Elske Rosenfeld, Michael Sailstorfer, Renée Sintenis, Åsa Sonjasdotter, Stuart A. Staples, George Steinmetz, Alexandra R. Toland, Michael Wang, Andreas Weinand, Susanne M. Winterling

https://www.dhmd.de/ausstellungen/von-pflanzen-und-menschen/

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