Schöner Licht_

Beitrag von Anita Wünschmann, Berlin

Schöner Licht…

Der einst prominenteste „Lampenladen“ aus Mitte ist abgerissen. „Lampenladen“ nannte man den Berliner Palast der Republik ob seiner weithin sichtbaren Kugelleuchten-Ausstattung. Echte Lampengeschäfte wiederum gibt es in erstaunlicher Vielzahl. Neben jenen, in denen man eine traditionelle Stehlampe mit Kegelschirm und Troddelborte noch immer erwerben kann, vermehren sich stadtweit die Adressen für zeitgenössisches Lichtdesign.

Licht an sich ist überlebenswichtig. Die prachtvolle Ausleuchtung ganzer Städte hat mit Luxus und (westlicher)Kultur zu tun. Licht erschafft Schönheit. So ist es kein Wunder, dass Lichtkunst sich zu einer ganz und gar eigenständigen Kunstrichtung emanzipiert hat und Licht- und Beleuchtungsmessen zwischen Frankfurt und Hongkong wie (Leucht)Pilze aus dem Boden schießen. Phantasie und Originalität sind gefragt vor allem wenn sie „Green Light“ ermöglichen, ein umweltbewusstes, energiesparendes  Beleuchten. In dem Maße wie die Kompaktheit von Architektur einer scheinbaren Immaterialität und Leichtigkeit weicht, nimmt das Interesse an neuen Technologien wie an ästhetischen Erkundungen von Lichtwahrnehmung zu. Künstliches Licht hat die Menschen seit langem fasziniert, man kann aber sagen,  es avanciert zum allumfassenden Stilmittel des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

So ist es kein Zufall, dass 2001 in Unna das weltweit erste Lichtzentrum mit Arbeiten von renommierten internationalen Künstlern wie Mario Merz, Joseph Kosuth, James Turrell, oder Olafur Eliasson eröffnet hatte. Die Europäische Kulturhauptstadt Essen/Ruhr 2010 lud im vergangenen Mai erstmalig zu einer „Licht-Biennale“ mit vielfältigen Interaktionen, die überraschenderweise von Künstlern in Privaträumen  vorgenommen wurden. Ein ebenso berauschendes Ereignis ist die Frankfurter “Luminale“, die zweijährig nicht nur die  Mainmetropole, sondern die ganze Gegend einer Verzauberung freigibt.

Licht ist vor allem auch eine Hauptquelle des Wohl- oder Unwohlgefühls in den eigenen vier Wänden. Die Energiespardebatten offerieren, das fast nichts wichtiger sein kann, als sich für die richtige Beleuchtung zu entscheiden. Zwischen Edison und LED liegt mehr als ein Jahrhundert. Davor reichten Öllampen, Gaslaternen und Kerzen, um der Dunkelheit Herr zu werden. Seit die Glühlampe selbst unter Protest von namhaften Designern auf dem Index der umweltunfreundlichen, nicht benutzbaren Dinge gelandet ist, tätigen auch höchst bescheidene Menschen Restbestandshamsterkäufe und horten „Hunderter“ für zukünftiges Seelenheil, derweil radikale Modernisierer schon seit langem Sparbirnen in jede Lampe  hineinschrauben. Das kann sich zu einem sportlichen Wettkampf zwischen Partnern auswachsen und hat Spannungspotential der eigenen Art.

Die „LEDs“, deren Technologie ein aufregend minimalistisches Design, quasi die Reduktion auf Punkt und Linie – ermöglicht, ist vom Blauweißlicht in die nächste Generation eines wärmen Tons hinübergewachsen. Sie brauchen aber noch Zeit, ehe sie sich allseitig unseres Wohlbefindens annehmen dürfen.  Im Bericht Stiftung Warentest heißt es lakonisch:„Die Lampen erzeugen viel Licht aus wenig Strom. Wer alte Glühbirnen durch LED-Lampen ersetzt, spart viel Strom. Gut für die Umwelt. Für den Geldbeutel noch nicht. Die LED-Lampen selbst sind so teuer, dass sich die Investition nur selten bezahlt macht.“

Das moderne Wohnen orientiert auf eine Dualität von indirektem und direktem Licht und hat in den Neunzigern Milchstraßeninszenierungen  und abgesenkte Decken in gleicher Häufigkeit wie den Plastikfreiluftsessel hervorgebracht. Lichtinszenierungen zwischen taghell und verträumt, farbenfroh und monochrom, punktgenau und Raum durchflutend gehören zu den  heutigen Angeboten. Lampen zeigen sich als Körper, als dreidimensionale Freihandzeichnung oder Symbol und sind in ihrer Mannigfaltigkeit kaum zu übertreffen. Es wird gewickelt und gewalkt, Glas geblasen, Papier geknautscht, Stahl gebürstet und Aluminium beschichtet. Monumentalisierung und Miniaturisierung wetteifern mit poetischen Erfindungen und skulpturalen Objekten. Schwarze Spinne („Dear Ingo“/ Mooi), Mohnblüte oder Spirale? Der klassische Kronleuchter läuft quasi außer Konkurrenz. Voluminös oder filigran ist er ob seines zeremoniellen Lichts weithin beliebt. Neuerdings wird er aus Holz gefräst.  Die Geschichte des Lampendesigns pendelt von funktionalen- zu Retrostilen, wie etwa zu den schrägen bunten Tüten aus den Fünfzigern. Als ein neuzeitliches Prunkstück postmoderne Provenienz mag Philippe Starcks Kalaschnikov-Tischlampe „Lounge Gun“ gelten. Italiener punkten mit Seeigelgebilden, die unter der Decke schweben und Skandinavier variieren Ei- und Tropfenformen oder zersägen den Wald („Wood Lamp“ vom schwedischen Büro Taf für Muuto). Anbetracht der „Artenvielfalt“ des Lampendesigns mag man sich nach bewährter Schönheit sehnen. Etwa nach der Bauhaustischleuchte „WA24“ von Wagenfeld,  die  mit dem Bauhausjubiläum 2009 ein furioses Comeback feierte. Für mehrere Generationen stilbewußter Intellektueller ist Artemides Tolomeo ein Innungszeichen. Ihr funktionales Silbergrau verschönt landauf, landab den Schreibtischdienst. Der Lichtpoet Ingo Maurer –  das Berliner Bauhausarchiv würdigte im vergangenen Jahr seinen sechzigsten Geburtstag mit einer Retrospektive – huldigte in seinem frühen Schaffen der puren Form mit der Tischleuchte „Bulb“, indem er die Gestalt der Glühbirne  quasi verdoppelt und mit 100 Watt eine Kristallglashülle zum Strahlen bringt. Nach der Hässlichkeit der Energiesparbirne aufersteht nun erst recht die formvollendete Rundlichkeit der Birne in diversen umweltfreundlichen Lichtspielarten. Dazu gehört die Leuchte „Thesecondlight“ vom Designer Vondom.

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