Ornamente der Fassade_

Seit Adolf Loos mit „Ornament und Verbrechen“ im Jahr 1908 gegen die oberflächliche Dekoration in der Architektur aufbegehrte und die Moderne das Bauen auf die pure, weitgehend von der Funktion bestimmte Form reduzierte, ist der Begriff des Ornaments aus der Fachwelt so gut wie verschwunden. Nicht einmal aktuelle Sachlexika wie das Wörterbuch der Baukunst verzeichnen einen Eintrag dazu. Dabei begann bereits in der Nachkriegszeit eine Abkehr vom reinen Funktionalismus. In der Postmoderne der 1980er Jahre folgte dann die Rückbesinnung auf die Gestaltungsmittel vormoderner Baukunst. Jean Nouvel gelang es 1987 mit der spektakulären Fassade des Institut du Monde Arabe in Paris, das Ornament als zeitgenössisches Architekturelement neu zu etablieren: Hinter der quadratisch gegliederten Glashaut liegen als Sonnenschutz motorisch gesteuerte Irisblenden, die das dekorative Muster traditionell islamischer Lüftungsgitter interpretieren.

Die Entwicklung neuer Fassadentechnologien, wie die Möglichkeit, Platten und Gläser individuell zu bedrucken oder auf Medienfassaden wechselnde und bewegte Bilder zu zeigen, haben der ornamentalen Gestaltung weiter Vorschub geleistet, sodass sie heute wieder zum akzeptierten Repertoire gehört. Uta Caspary legt mit ihrem Buch Ornamente der Fassade in der europäischen Architektur seit den 1990er Jahren einen gewichtigen Beitrag vor, der nun auch den verfemten Begriff rehabilitiert.

In fundierter Kenntnis der Kunst- und Architekturgeschichte definiert die Autorin das Ornament in Abgrenzung zu Dekor und Muster und erläutert die schmückende und ordnende Funktion auf der Fassade als „Hauptbühne des Ornaments“. In einem historischen Überblick demonstriert sie den wandelnden Stellenwert des Ornaments von der Basis künstlerischen Schaffens im 19. Jahrhundert bis zu dessen symbolischer Überhöhung im „dekorierten Schuppen“ von Robert Venturi. Den breitesten Raum im Buch nehmen Analyse und Bewertung zeitgenössischer Ornamentfassaden ein. Rund 300 Bauten hat Uta Caspary unter den folgenden Aspekten untersucht:

_Bild, Marke, Ereignis

_Regionale und überregionale Bezüge

_Schrift, Bilder, Farbe

_Inspiration Natur

_Digitalfassaden

Wer sich mit den theoretischen Hintergründen von Fassadengestaltung befassen möchte, die Baugeschichte der letzten 200 Jahre an der wechselnden Bedeutsamkeit des Ornaments nachvollziehen will und analytisch aufbereitete Anregungen für die eigene Arbeit sucht, wird das reich bebilderte Buch zu schätzen wissen. -pn

Jovis Verlag, Berlin 2013
336 Seiten mit zahlreichen Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen
Broschur, Format: 16,8 x 24 cm
Preis: 35,00 EUR
ISBN 978-3-86859-233-7
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