Open-Air-Architekturmuseum_

50 Jahre Brasilia, Hauptstadt der Architektur

In nur drei Jahren wurde 1960 eine ganze Hauptstadt in Brasilien aus dem Boden gestampft. Inzwischen ist aus der von Lucio Costa und Oscar Niemeyer geplanten Retortenstadt Brasilia eine lebendige Metropole geworden – und eine Pilgerstätte für Architekturfans aus aller Welt.

Wer aus dem Ausland kommt, lernt Brasilia als Open-Air-Architekturmuseum kennen. Oscar Niemeyers Ikonen der Moderne haben sich längst ins globale Baugedächtnis eingebrannt. Brasilia ist die einzige Stadt des 20. Jahrhunderts, die als Ganzes zum Weltkulturerbe der Unesco gehört.

In den vergangenen 50 Jahren haben die in absoluter Rekordzeit in die Höhe gezogenen Bauten gelitten. Ein Teil des Jubiläumsbudgets geht in die Restaurierung. Viel zu wenig, finden die Hüter der außergewöhnlichen Bausubstanz. Denn, wer in Brasilia lebt, ist sich nur selten der Bedeutung dieser Gebäude bewusst – am wenigsten die zuständigen Politiker. “Ich habe größte Schwierigkeiten, das, was Brasilia so attraktiv macht, nämlich Niemeyers Gebäude, erhalten zu können”, sagt Ione Carvalho vom Kulturamt der Stadt Brasilia. “Bei uns gibt es noch kein Bewusstsein dafür, dass Architektur auch einen wirtschaftlichen Nutzen haben kann, wie man aus dem Guggenheim Museum in Bilbao gelernt hat. Darauf wollen wir im Jubiläumsjahr hinweisen.”

In einer Art kollektivem Rauschzustand wurde Brasilia mitten am brasilianischen Hochland ins Nichts gebaut. 30.000 Arbeiter und Fachleute aus dem ganzen Land hatten sich – oft zu Fuß – auf den Weg gemacht, um an diesem Wunder mitzubauen. Die Idee stammte von dem so charismatischen wie tatendurstigen Staatschef Juscelino Kubitschek. Brasilia sollte der gebaute Traum von einer gerechteren Gesellschaft werden, Motor der Entwicklung des Landes, Symbol des Fortschritts. Im Städteplaner Lucio Costa und dem Architekten Oscar Niemeyer fand der Präsident kongeniale Partner. Am 21. April 1960 war die neue Hauptstadt im Kern fertig.

Danach wurde aus Brasilia eine recht normale Stadt. Der deutsch-stämmige Dichter und Aktivist Nicolas Behr, zog in den 1970er Jahren nach Brasilia. Er ist nicht nur eifriger Chronist der Entwicklung der Stadt und Besitzer einer stolzen Brasilia-Bibliothek. Brasilia ist auch die wahre Protagonistin all seiner Bücher. Er war der erste Stadtschreiber der jungen Metropole. “Ich habe die Herausforderung angenommen, zu versuchen, in Brasilia glücklich zu sein”, so Behr. “Als ich hier vor 37 Jahren hergekommen bin, war Brasilia eine abweisende Stadt: trocken, feindlich, kaum Vegetation, und so habe ich die Dichtung gebraucht, um damit fertig zu werden. Heute ist Brasilia viel menschlicher, viel organischer geworden. Aber damals war das eine traumatische Erfahrung.”

Viel Grün zwischen den Bauten garantiert eine hohe Lebensqualität.

Wer es sich leisten kann, in Brasilia selbst und nicht in einer der Satellitenstädte zu leben, der lebt heute gut dort – hauptsächlich die reichere Ober- und Mittelschicht. Die Stadt hat rund 700.000 Einwohner und kann, laut Masterplan aus den 1950er Jahren, der gnadenlos eingehalten wird, nicht mehr wachsen. Für viel Grün und hohe Lebensqualität ist im “Plano piloto” wie der Kern von Brasilia nach dem alten Plan von Lucio Costa heißt, gesorgt. Die “Superquadras”, die Wohnviertel, ausgestattet mit viel Luft, Licht und der nötigen Infrastruktur, gelten als Erfolgsmodell. “Brasilia ist der einzige Ort auf der Welt, in dem solche Plattenbauten funktionieren”, sagt Behr, “anders als in den kommunistischen Ländern Osteuropas, in Krakau oder Berlin. Das liegt an der geringeren Dichte, der mitgeplanten Vegetation. Mit Brasilia hat Niemeyer gezeigt, dass moderne Stahlbeton-Architektur nicht abschreckend sein muss, sondern schön sein kann.”

Schönheit, Eleganz und Leichtigkeit sind wesentliche Komponenten im Schaffen des heute 102-jährigen Architekten Oscar Niemeyer. Nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch aus sozialen: sollen sich die vielen Armen Brasiliens doch zumindest an einer schönen Stadt erfreuen können. Noch schöner wäre es, wenn sie darin auch leben könnten. Aber dieser Traum der Gründerväter Brasilias ist nicht Wirklichkeit geworden. Die weniger Reichen und die Ärmeren wohnen draußen, außerhalb des 20 Kilometer breiten Grüngürtels, der die Stadt umgibt. “Das Problem ist, dass die Gründerväter eine sozialistische Stadt in einem kapitalistischen Land errichten wollten”, so Behr. “Sie haben vergessen, dass diese Geschichte in Brasilien spielt.”

Zeit des Optimismus

Brasilia ist ein Spiegel der brasilianischen Realität: die enorme Kluft zwischen arm und reich, kaum öffentliche Infrastruktur, die funktioniert, kein soziales Netz und korrupte Politiker. Ihretwegen wären die 50-Jahr-Feierlichkeiten beinahe ins Wasser gefallen. Architektur kann etwas, sagt dazu Altmeister Oscar Niemeyer, aber bessere Menschen aus den Menschen machen, das kann sie nicht. “Brasilia, das war eine Zeit des Optimismus”, so Niemeyer. “Aber verändert hat sich dadurch nicht viel. Architektur kann das nicht. Das muss die Politik liefern.” Die Gründung einer neuen Stadt erfordert zweifellos Politiker mit Visionen. Für die Regierung einer seit 50 Jahren bestehenden Metropole braucht es aber auch heute noch viel Kraft und Fantasie.

Artikel 21.04.2010/Ines Mitterer für Kulturzeit /3sat Kulturzeit

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