Kulturzentrum „Kinneksbond“ Mamer_

Kunst(bau)werk
Das Kulturzentrum
Kinneksbond in Mamer

„Baukunst wurzelt mit ihrer einfachen Gestaltung ganz im Zweckhaften. Reicht aber hinaus über alle Wertstufen bis in den Bezirk geistigen Seins, in das Gebiet des Sinnhaften, der Sphäre der reinen Kunst“, notierte der Architekt Mies van der Rohe Ende der dreißiger Jahre, als er Direktor der Architekturabteilung am Armour Institute of Technology in Chicago war. [Weiterlesen]

So wirken in diesem Sinne konzipierte architektonische Gebilde mit ihrer raumergreifenden und -bestimmenden Präsenz mitunter wie Skulpturen, plastische Kunstwerke, die Menschen betreten, in denen sie sich aufhalten und leben können. Architektur, in der ein Kunst-Raum zum realen Erlebnis wird.

Die Grenze vom Bauwerk zum Kunst(bau)werk ist dabei fließend. Sie ist umso durchlässiger je bestimmender konzeptuelle künstlerische Akzente in die architektonische Gestaltung von Anfang an einbezogen werden – sei es vom Architekten selbst, sei es von einem Künstler, der mit den Architekten in ständigem Dialog  arbeitet.

Die Angelegenheit ist komplex und beschränkt sich demnach nicht auf „Kunst am Bau“, wo  dem fertigen Bauwerk zum Schluss eine künstlerische Note – oft ohne direkten Bezug – aufgesetzt wird. Dabei sollte es doch um Architektur und Kunst gehen.

Dass ein solches Vorgehen möglich ist, zeigt das Kulturzentrum Kinneksbond, das die Gemeinde Mamer vom Architekten Jim Clemes hat entwickeln und ausführen lassen. Der hatte von Anfang an  den luxemburgischen  Maler, Plastiker und Objektgestalter Nico Thurm in die Werkschritte des Projektes eingebunden.

Wer Nico Thurm kennt, weiß, dass seine gesamte künstlerische Arbeit mit architektonischem Denken und Gestalten eng verzahnt ist. Die minimalistisch reduzierte Formensprache, die geometrische Orientierung, die monochrom vibrierenden Farbfelder seiner Bilder,  die sensible Materialbezogenheit, die Systematik, mit der er vorgeht, ermöglichen es ihm, in seinen Werken faszinierende  visuelle und geistige Kunsträume zu gestalten. Hier werden Spannungsgefüge erzeugt, die auf Räumlichkeit ausgerichtet sind.

Nico Thurms Werkstoffe sind vielfältig. Papiercollagen, Stahl, Plexiglas, Spiegel…  Bei architektonischen Projekten arbeitet er zwangsläufig auch mit Stein und Beton, wobei er seine Formen- und Farbensprache in Einklang mit der  Zweckgebundenheit des Bauwerks bringen muss. Nur so entstehen Gesamtwerke, in denen bestimmende künstlerische Akzente  das architektonische Vorgehen prägen. Ganzheitliches Denken, eine Symbiose aus künstlerischer Sensibilität und Konsequenz, aus architektonischem Konzept und Ingenieurkompetenz sind da gefordert.

Beim Kulturzentrum Kinneksbond in Mamer ist dies systematisch durchgeführt worden. Wie beim Aufbau einer konzeptuellen Plastik wurde die formale Sprache abgestimmt und in einen harmonischen Dialog zwischen künstlerischem Willen und architektonischen Gegebenheiten gebracht. Das Bauwerk trägt die unverkennbare Handschrift des Künstlers Nico Thurm. Sie prägt das Miteinander der Volumen, die seriellen Reihungen, die Lichtführung, die Oberflächenbehandlung der Fassadenflächen.

Das beginnt bereits bei der Annäherung an das Gebäude. Eine geometrische, durch diagonale Linien gegliederte Außen- und Treppenanlage führt zum Kulturzentrum. Die diagonalen Linien geben bereits hier ein bestimmendes Motto im Formenspiel vor. Sie definieren auch die  serielle grafische Gliederung der turmartigen, filigran wirkenden Lichtskulptur aus Stahl- und Plexiglas, die Nico Thurm als vertikalen Akzent draußen vor den Gebäudekomplex platziert hat. Ein aufstrebender dezent farbiger Gegenpunkt zu den horizontalen Linien des Gebäudes.

Von außen gliedert sich das Gebäude in seiner klaren geometrischen Formensprache in mehrere rechteckige Blöcke verschiedener Höhe und Länge, die harmonisch aneinander angepasst sind. Es sind jedoch nicht nur solche Merkmale, die den Gesamteindruck des Gebäudes charakterisieren.

Durch den Eingriff des Künstlers erhält die ausgewogene Architektur eine weiterführende Dimension: Seriell angeordnete horizontale und vertikale Tür- und Fensterfelder rhythmisieren die Flächen. Grau-bräunlich eingefärbte Betonflächen sind innen und außen mit feinen, seriellen Linien und Mustern gegliedert. Es entsteht eine tektonische, reliefhafte, plastisch belebte, visuell und gefühlsmäßig erfahrbare Oberflächenstruktur.

Durch diese wohltemperierte Anordnung erhält der Gebäudekomplex seine skulpturale Komplexität – ein gelungenes Zusammenspiel von architektonischer und künstlerischer Kreativität.

Das setzt sich auch im Inneren des Gebäudes fort. Der Hauptsaal des Kulturzentrums ist als black box, als „schwarzer Raum“ konzipiert. Eine geometrisch-abstrakte Komposition, ein multifunktionaler Raum, der sich in vielen Szenarien nutzen lässt: mit mehrseitig bespielbarer Bühne, Orchestergraben und einer flexibel einsetzbaren Sitz-Infrastruktur. Daneben Proberäumen für die Musikschule sowie ein Foyer, das gleichzeitig lichtdurchflutete Eingangshalle ist.

Neben Beton kommen hier insbesondere Werkstoffe wie Stahl, Glas und Plexiglas zum Einsatz. Die Fenster sind geometrische Materialbilder, in denen abstrakte Farbflächen mit gerasterten Siebdruck-Zitaten aus Musik, Tanz, Kunst und Literatur in einen spannenden und spannungsvollen Dialog gesetzt sind. Das Treppenhaus: eine transparente, geometrisch angeordnete Großplastik. Der Bar-Tresen im Foyer: ein Licht-Bild aus Plexiglas mit Farbeffekten. Farbfelder in rot, schwarz, braun, grau im Kontrast zu Holz-Böden und hellen Decken. Lichtmuster, die Gänge und Räume im Sinne des Grundthemas der Diagonalen strukturieren.

Licht, Farbe und Form leiten den Blick, setzen serielle Akzente, führen in das Innere der minimalistisch konzeptuellen Komposition.  Ein Bauwerk als begehbares Gesamtwerk in der Kunstsprache unserer Zeit.

Paul Bertemes
mediArt

ECKDATEN DES PROJEKTS
Bauherr
Administration Communale de Mamer
Beratung und Koordination
S-Consulting S.A.
Architektur
Atelier d’Architecture et de Design Jim Clemes S.A.
Landschaftsarchitektur
Hackl Hofmann Freiraumplanung
Akustik
XU Acoustique
Statik
Schroeder & Associés SA
Gebäudetechnik
Jean Schmit Engineering sàrl
Kunst am Bau
Nico Thurm
Grundfläche
2.300 m2
Bruttorauminhalt
32.000 m3
Fertigstellung
10/2010

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