Koblenz verwandelt_

Auch wenn es nicht planbar war: Eine Bundesgartenschau im Internationalen Jahr der Wälder ist im waldreichsten Bundesland gut aufgehoben! Koblenz verwandelt! – so heisst der Slogan. Dazu gehört sicher auch das Bewusstsein dafür, dass diese Stadt zu den grössten kommunalen Waldeigentümern in Deutschland gehört. Dies schliesst das Bekenntnis zu einer nachhaltigen Nutzung des nachwachsenden Rohstoffes Holz ein. So ist es kein Zufall, dass auf der Bundesgartenschau eine ganze Reihe nachhaltiger Holzbauten zu sehen gibt, die mehr sind als nur die Kulisse für 185 Tage. In einer klugen Nutzungskaskade kann mann mit Holz mehrfach Nutzen stiften, am Ende als Energie. So wird nichts verschwendet.

Alle Projekt, dieser kleinen Führung, wurden von den Planern der BuGa und von den externen Partnern deshalb auch auf eine vernünftige Nachnutzung hin geplant, sei es durch Verbleib am Standort, sei es durch einen “Umzug” oder durch eine Umnutzung der Bauteile. Allen voran steht das von der BuGa gemeinsam mit der Landesforsten realisierte Aussichtsbauwerk auf dem Festungsplateau, das dort auf Dauer erhalten bleiben soll. Mit etwas Glück erobert es die Herzen der Besucher und wird zu einem Wahrzeichen – ein schönes Souvenir an die BuGa und ein Sympathieträger für den Wald!

Willkommen in der Welt der faszinierenden Holzbauten, so begrüssten Prof. Dr. Markus Holzbach von der Hochschule für Gestaltung die Mitgleider der ALIAI/Revue Technik und erklärte dabei das Projekt:

„Echolot“, bionischer Pavillon der Fachhochschule Koblenz

Zu den zahlreichen Attraktionen auf der Bundesgartenschau ist dies eine Art Experimentierfeld zum Thema Bionik.. Dieses aus den Begriffen „Biologie“und „Technik“ zusammen gesetzte Kunstwort steht für eine wissenschaftliche Disziplin, die Konstruktionen und Systeme der Natur systematisch erforscht und auf Anwendbarkeit in der Technik überprüft. Bekanntestes Beispiel ist der sogenannte Lotus-Effekt, bei dem selbstreinigende Strukturen von Blättern auf Dachziegel oder Fassaden übertragen werden. Auch im Bereich der Baukonstruktionen können viele Lösungen von der Natur übernommen werden. Folgerichtig zeigt die Fachhochschule Koblenz ihre Bionikpräsentation in einem selbst entworfenen Pavillon, dessen Bauweise von den „genialen Ingenieuren der Natur“ angeregt ist. Der innovative Bau ist eine rund 17 Meter lange und knapp sechs Meter hohe, aus Douglasienholz zusammengesetzte luftige Experimentalkonstruktion, deren drei Kuppeln durchgängig nach bionischen Prinzipien konstruiert sind. In beeindruckender Weise wird so das hohe Leistungsvermögen des natürlichen Baustoffes Holz erlebbar gemacht. Der Name „Echolot“ für den Pavillon ist zugleich Programm. Aufgabe eines Echolotes ist Ortung: nicht sichtbares sichtbar machen. Das geschieht hier mit dem Ruf einer Fledermaus – normalerweise für menschliche Ohren nicht hörbar. Durch spezielle Techniken werden diese Laute für die Besucher hör- und durch grafische Darstellung sichtbar gemacht. Beim Durchlaufen des Pavillons werden Leuchtstreifen am Boden aktiviert, die diese Ortungsrufe als Oszillogramm darstellen Aus der Aufzeichnung der Schallwellen ist zugleich der Grundriss des Gebäudes abgeleitet. Mit digitalen Methoden wurde aus diesem Muster eine doppellagige Hänge-Stützform berechnet, die mit einem Maschenraster aus räumlich stabilen Dreieck- und Sechseckrastern belegt wurde. Solche bionischen Formen treten in der Natur häufig auf, da sie optimal zur Lastabtragung geeignet sind. Solche stabilen Muster finden sich beispielsweise bei Bienenwaben, Kieselalgen und Blütenformen wieder.

Was sich als Text kompliziert liest, ist vor Ort als großzügiges, harmonisches und auch ein wenig atemberaubendes Gebäude wahrnehmbar. Es steht für die Verknüpfung von Ästhetik und Bionik in Verbindung mit dem Erlebbarmachen innovativer Technologien und zeigt zugleich anschaulich, welche Potenziale der Holzbau in Bezug auf Stabilität und Leichtigkeit der Konstruktion bietet“. Während der Bundesgartenschau finden verschiedene Aktionen in dem Pavillon statt. So wird im Rahmen der Veranstaltung „Buntes Klassenzimmer“ Schülerinnen und Schülern das Thema „Bionik“ in anschaulichen und altersgerechten Veranstaltungen nahe gebracht. Die Fachhochschule Koblenz, an der der Bau entwickelt wurde, bietet eigene Infoveranstaltungen, Workshops und Ausstellungen an. Auch die Planung und Errichtung des Echolots waren und sind pädagogisches Projekt: im Rahmen eines interdisziplinären Projektes von  angehenden Bauingenieuren und Architekten wurde nicht nur digital entworfen, sondern auch in realiter „Hand angelegt“. Dieser Ansatz wurde mit dem Adam Sommerock Holzbaupreis 2010 gewürdigt.

Nach dem Ende der Bundesgartenschau wird das „Echolot“ demontiert und auf dem Gelände der Fachhochschule als dauerhafte Einrichtung wieder aufgebaut. So wird dieser interessante Experimentalbau zum interessanten Beitrag zum internationalen Jahr der Wälder, als Vorbild für Nachhaltigkeit und das Leistungsvermögen der Natur.

Herr Uwe Hallmann der Zentralstelle der Forstverwaltung RheinlandPfalz, zuständig für die Projektgruppe der Bundesgartenschau Koblenz 2011 führte uns anschliessend durch die Ausstellung “Wald im Wandel” und gab Erklärungen zum Aussichtspunkt auf dem Festungsplateau.

Als Gemeinschaftsprojekt der Bundesgartenschau und von Landesforsten Rheinland-Pfalz und als Beitrag zum internationalen Jahr der Wälder entstand das Aussichtsbauwerk auf dem Festungsplateau. Es soll dort auf Dauer und als spätere Erinnerung an die BuGa 2011 verbleiben. Das Raumfachwerk aus dem dauerhaften Holz der Douglasie erschließt mit seinem Rundlauf sowohl im Inneren, als auch anschließend auf der  Dachebene dem Besucher unterschiedliche Blickachsen und Panoramen. Nähe und Ferne, Höhe und Tiefe werden gezeigt, drei Dimensionen erfahrbar. Was dabei so selbstverständlich aussieht, war eine durchaus komplexe Bauaufgabe. Mit nächtlichen Spezialtransporten wurden die bis zu 36 Meter langen Fachwerkträger in Millimeterarbeit durch die umliegenden Wohngebiete gelotst. Anschließend wurde mit einem Mobilkran Teil auf Teil auf die Stahlstützen aufgesetzt und zusammen gefügt. Die Dreiecksform greift geometrische Motive der Festungsarchitektur (Schussschneisen) auf, die sich auch im Wegegrundriß der jetzigen Parkanlage wiederfinden. So fügt sich der „Großbalkon“ in das Geschehen der Bundesgartenschau ein. Die aufeinander aufliegenden Schenkel ermöglichen einen reibungslosen und – dank der limitierten Steigung – in Grenzen barrierefreien Rundlauf der Besucher. Für den Statiker  bereiteten dabei die spektakulären Auskragungen und die „Verkehrslasten“ einiges Kopfzerbrechen. Dem „Verkehrslenkungskonzept“ entsprechen die Ausstellungsinhalte, die das Bauwerk zu einem Gesamtkunstwerk machen, das zahlreiche Aus-, Ein- und Durchblicke ermöglicht. Architektur: Daniel Dethier, B-Liège, www.dethier.ber Holzbau: Mohr Ingenieur Holzbau, Trier, www.mih.de.

Herr Hannsjörg Pohlmeyer des Holzbau-Cluster Rheinland-Pfalz führte die Gruppe anschliessend zu weiteren Holzprojekten;

Fincube

Nahe der Seilbahnstation auf dem Festungsplateau steht der „Fincube“, ein temporäres Gebäude des Designers Werner Aisslinger. Er ist das konsequente und unter den Aspekten der Nachhaltigkeit weiter entwickelte Folgemodell des 2003 entstandenen Loftcube, der u.a. auf der Landesgartenschau Neu-Ulm im Jahre 2008 gezeigt wurde. Beide folgen der Grundidee, ein modernes, mobiles und minimalistisches Haus für „Großstadtnomaden“ bereit zu stellen. Auf kleiner Grundfläche soll alles geboten werden, was zu einem flexiblen und individualistischen Lebensstil benötigt wird. Der Loftcube als Ausgangsvariante ist noch aussen mit einer Fiberglasfassade versehen – beim 2010 erstmals fertig gestellten Fincube wurde weitestgehend auf den Werkstoff Holz gesetzt. Das 47m² große Gebäude ist durch seinen modularen Aufbau rasch montierbar und kann ebenso rasch wieder abgebaut und an anderer Stelle erneut errichtet werden. Es lagert auf nur 4 Punktfundamenten mit einer Grundfläche von jeweils einem halben Quadratmeter. Damit ist der Eingriff in die Bodensubstanz denkbar gering. Damit kommt ein Einsatz auf einem auf Zeit „geliehenen“ Grundstück ebenso in Frage, wie das Abstellen auf einem beliebigen Flachdach. Deshalb wurde ein Beitrag der österreichischen Holzzeitschrift „Zuschnitt“ konsequenterweise mit „Loftcube: ein Haus hebt ab“ betitelt. Der Standort auf dem Festungsplateau zeigt – je nach Perspektive – dass das Gebäude sowohl als Solitär als auch im Kontext einer Nachbarschaftsbebauung eine gute Figur macht. Architektur/Design: Werner Aisslinger, Berlin, www.aisslinger.de Holzbau: Zimmerei Lobis, I-Unterinn/Ritten – www.fincube.eu

Stationen der Seilbahn

Die zur Bundesgartenschau errichtete Seilbahn ist ein hoch effizientes innerstädtisches Transportsystem, die die Festung Ehrenbreitstein so nah an die Innenstadt rückt, wie noch nie zuvor. Mit einer stündlichen Transportkapazität von 7600 Personen wird Weltrekordniveau erreicht. Die 12 Millionen Euro kostende temporäre Installation soll von 2010 bis Herbst 2013 genutzt und danach wieder entfernt werden.

Mit Rücksicht auf die Sensibilität des geschichtsträchtigen Ortes wurde eine Konstruktion entwickelt, die markant und eigenständig ist, jedoch  nicht dominierend. Die Dachkonstruktion beider Stationen besteht aus komplex gekrümmten Brettschichtholzbindern, die von einer transluzenten textilen Membran überspannt werden. Jedes einzelne Holz weist dabei eine andere Geometrie auf. Trotz dieser diffizilen Aufgabe passen alle  Stücke perfekt zusammen. Die gleiche Präzisionsarbeit war für die Dachhaut erforderlich. Sie im wahrsten Sinne des Wortes maßgeschneidert und sitzt wie angegossen ohne eine einzige Falte oder Delle. Die durchscheinende Bespannung lässt ausreichend Tageslicht durch. Bei Nacht kehrt sich dies um: die Innenbeleuchtung hebt die eigenwillige Geometrie besonders hervor. Insgesamt wurden 95 Kubikmeter Brettschichtholz und 1500 Quadratmeter Dachhaut verbaut. Architektur/Design: Werner Sobek, Stuttgart, www.wernersobek.de Holzbau: Neue Holzbau, CH-Lungern, www.nh-lungern.ch

Der Pavillon „Treehugger“ der Handwerkskammer Koblenz

Der Begriff „treehugger“ (to hug = umarmen)hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Er wurde als abwertende Bezeichnung für die Baumschützer in den USA gebraucht, die sich in den 1990er Jahren u.a. für den Schutz der monumentalen Küsten-Mammutbäume einsetzten. Spätestens mit der 1997 begonnenen und 738 andauernden Baumbesetzung durch Julia „Butterfly“ Hill steht treehugger für positive Anerkennung. Ein wichtiger Internet-Blog zum Thema Nachhaltigkeit hat sich diesen Namen gegeben. Nachhaltigkeit und Design sind auch die Ansprüche, die bei der Genese des HWK-Pavillons zur Bundesgartenschau Pate standen. Mit Holz aus verantwortungsbewusster Forstwirtschaft  entstand -technologisch an der Spitze orientiert – in einer digitalen Entwurfs- und Prozesskette ein Gebäude, das mit seiner komplizierten Geometrie Anleihen bei dem umgebenden Baumbestand und Blattwerk nimmt. Es ist so konstruiert, dass es nach der Bundesgartenschau wieder entfernt und an seinen endgültigen Standort an der Handwerkskammer umgesetzt werden kann. Was ist nun der Bezug zum Handwerk? In der Architekturszene gibt es eine weltweit vernetzte Community digitaler Entwerfer, die sich mit den Möglichkeiten leistungsfähiger Rechner und entsprechender Statikprogramme an immer kühnere Formen heranwagen. Die Crux dabei ist deren Baubarkeit, die das Baugewerbe in vielen Staaten an seine Grenzen stoßen lässt. Hier schlägt die Stunde des deutschen Handwerks und seiner Tüftler, die in den digitalen Entwürfen eine neue Herausforderung und vielleicht auch ein neues Markenzeichen sehen. So entstand der Treehugger in einer engen Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum für Gestaltung der HWK, dem Lehrstuhl für digitales Entwerfen der FH Trier und der Universität Kaiserslautern als Gemeinschaftsprojekt, besser als gemeinschaftliches Ausbildungsprojekt.  So sollte mehr entstehen als ein schlichter Auftrag. Alle Beteiligten sollten sich weiter entwickeln – verknüpft mit der Verpflichtung zu einer ausführlichen Dokumentation, die gemachte Erfahrungen weiter transportiert. Damit wird die Herausforderung, die mit dem Treehugger verbunden war, in der Fachwelt multipliziert. Das Staunen von Tausenden Besuchern der BuGa ist ohnehin garantiert – wetten? Architektur: Fachhochschule Trier, Fachbereich Gestaltung, Fachrichtung Architektur unter Leitung von Prof. Holger Hoffmann Holzbau: Holzbau Ochs, Kirchberg, www.ochs.info

In Zusammenarbeit mit brigitte@aricia.lu

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