Kamel Louafi gestaltet Raum der Kontemplation _

Eine Jury unter Vorsitz der Landschaftsplanerin Donata Valentien hat am vergangenen Mittwoch die Arbeit des Berliner Landschaftsarchitekten Kamel Louafi für die künftige Gestaltung des Gedenkortes am ehemaligen KZ-Außenlager Klinkerwerk in Oranienburg ausgewählt und zur Weiterbearbeitung empfohlen. Die Jury würdigte an dem Entwurf von Louafi, dass er einen „Raum der Kontemplation“ schaffe, „der Erinnern ermöglicht, zugleich aber so offen ist, dass der Blick in die Umgebung und auf die Wasserfläche erhalten bleibt“. Insgesamt bilde der „Entwurf eine sensible Interpretation des Ortes und eine tragfähige Struktur, die zu einem noch stimmigeren Konzept für den Erinnerungsort weiter entwickelt werden kann“, so die Jury.

Neben dem Preisträger waren die Berliner Architekten Martin Bennis (mit Partner) und Hans-Hermann Krafft und der Künstler Horst Hoheisel (mit Andreas Knitz) aus Kassel beteiligt. Die Entwürfe sind ab morgen bis zum 1. Juni 2014 im Neuen Museum der Gedenkstätte Sachsenhausen zu sehen. Bei ihren kontrovers geführten Diskussionen hatte sich die Jury auch intensiv mit dem Entwurf von Horst Hoheisel beschäftigt. Ein Schiff mit einer begehbaren Skulptur in den Konturen eines Ziegelsteines sollte die Erinnerung auf dem Wasserweg auch nach Berlin tragen, wo die Verursacher und Nutznießer der Sklavenarbeit der KZ-Häftlinge im Klinkerwerk saßen. Die Jury würdigte den Entwurf als „sehr eigenständigen künstlerischen Ansatz“, allerdings werde „das starke Bild […] mit einer Reihe schwer lösbarer Nachteile und Konflikte erkauft“, die von der Blockade der Hafeneinfahrt bis zur Vernachlässigung des eigentlichen Gedenkortes reichen.

Der Entwurf von Kamel Louafi sieht vor, den bestehenden Gedenkort am Hafenbecken teilweise mit Stahlwänden einzufassen, von denen eine Stahltafel mit einem Zitat eines Überlebenden versehen werden soll. Öffnungen stellen Sichtbeziehungen zum authentischen Ort und seiner Umgebung her. Die Umrisse eines ehemaligen Wachturmes, dessen Fundamente noch vorhanden sind, werden markiert. Das vorhandene Denkmal, ein 1998 von Jugendlichen im Rahmen eines Workcamps errichtetes Dreieck aus im Gelände vorgefundenen Ziegelsteinen, soll durch einen runden Betonsockel eingefasst werden, der einen Widmungstext trägt. Der in Algerien geborene Landschaftsarchitekt Kamel Louafi gründete 1993 in Berlin ein Landschaftsarchitekturbüro. Er gestaltete zahlreiche Garten-, Park- und Platzanlagen im In- und Ausland, u. a. die Gärten der Weltausstellung 2000 in Hannover, den Orientalischen Garten (2005) und den Saal der Empfänge (2009) in den Gärten der Welt in Berlin sowie Parks in Abu Dhabi und in Mekka. Der zur Weiterbearbeitung empfohlene Entwurf von Kamel Louafi soll zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen im April 2015 realisiert werden.

Stiftungsdirektor Prof. Dr. Günter Morsch zeigte sich heute bei der Vorstellung der Entwürfe in Oranienburg zufrieden mit dem Ergebnis: „Der Entwurf von Kamel Louafi schafft einen würdigen Gedenkbereich, wie er diesem historischen Ort, der ein unvorstellbarer Leidensort für die Häftlinge war und bis heute ein Friedhof ist, angemessen ist“, sagte Morsch heute in Oranienburg. „Vor allem erfüllt er die Erwartungen der Überlebenden und ihrer Angehörigen, die sich einen kontemplativen Ort für ihre jährlichen Gedenkveranstaltungen wünschten. Gemeinsam mit ihnen hoffen wir nun auf eine zügige Realisierung bis zum 70 Jahrestag der Befreiung im April 2015“, sagte Morsch.

Der Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees, Roger Bordage, der selbst als Häftling im Klinkerwerk war und in der Jury mitwirkte, sagte: „Wir sind froh und dankbar, dass es künftig einen würdigen Ort für die Trauer um unsere Kameraden, die im „Todeslager“ Klinkerwerk umgekommen sind, geben wird. Der Entwurf von Kamel Louafi hat uns in seiner Klarheit und Einfachheit am meisten überzeugt“, sagte Bordage.

Kemal Louafi zeigte sich sehr erfreut über die Juryentscheidung und sagte: „Da wir sonst meistens Parks entwerfen, zu denen die Menschen gerne hingehen, war es für uns nicht so einfach, mit einem solchen Thema zu arbeiten. Uns war es wichtig, einen Vorschlag zu machen, der im Zeit- und Kostenrahmen realisierbar ist. Deswegen haben wir uns bei unserem Entwurf einfacher Mittel bedient, was ja bekanntlich immer besonders schwierig ist“, so Louafi.

„Es trabt sich schwer im märkischen Sand, aber uns peinigen Gebell und Kläffen mehr als der unwegsame Weg. Da drüben eine Brücke, unter ihr fließt der Kanal. Das ist die Mark, unsere Mark, durch die wir so oft gewandert sind. Unten am Kanal stehen Zivilisten. Die müssen doch sehen, wie man ihre Volksgenossen treibt, schlimmer, als jede Herde Vieh getrieben wurde.“(Hans Reichmann, ehemaliger deutscher jüdischer Häftling, 1939)

Das Hafenbecken am Hohenzollernkanal bietet im Jahr 2014 einen durch das Wachstum der umgebenden Sukzessionsvegetation und Forste zunehmend idyllisch anmutenden Ausblick auf Wasser, Wälder und Brücken; ein Ort dem man bei Ausflügen begegnet – unbenommen von der Tätigkeit des hier auch aktiven Baustoffhändlers; am gegenüberliegenden Ufer führt der Radwanderweg Berlin-Kopenhagen entlang. Wer die Geschichte des Ortes nicht kennt, ahnt kaum, dass sich hier das zum Konzentrationslager Sachsenhausen gehörende Außenlager Klinkerwerk befand, in dem Tausende durch den Terror der Nationalsozialisten ermordet wurden.

Dem vorliegenden Konzept für den Gedenkort Klinkerwerk geht es um die Sichtbarmachung und Aufmerksamkeit gegenüber den historischen Spuren. Stahlwände werden vor der Kaimauer dort installiert, wo früher die Lastkähne, die von den Gefangenen beladen werden mussten, anfuhren und vertäut waren.  Die Stahlwände stellen sich dem Ausblick in den Weg und richten den Focus auf die Figuren von Stuart Wolfe am gegenüberliegenden Ufer; über die Raumbildung wird die Hinwendung zum Gedenkort gefördert.

Relikte und vorhandene Gestaltungselemente werden einbezogen und betont: Die Fundamentreste des Wachturms sind von mindestens 3 m hohen, weiß beschichteten Stahlstangen umgeben, die den Standort des ehemaligen Turms weithin sichtbar machen. Das bestehende Denkmal aus Klinkersteinen wird gesäubert und in eine Betonfläche integriert, umgeben von einer eingegossenen Inschrift; die Geländeoberfläche am Gedenkort wird mit sandgrauer wassergebundener Wegedecke hergestellt. Bänke im Schatten des großen Baumes ermöglichen ein Innehalten.  Die lange Stahlwand erhält eine Inschrift, die das Anliegen des Ortes verdeutlicht (z.B. unter Einbeziehung des oben aufgeführten Zitates von Hans Reichmann). Weitere Informationstafeln in Ergänzung zu der bereits bestehenden Stele am Wasser könnten, wenn gewünscht, in das Gelände integriert werden. Kranzniederlegungen können sowohl vor der langen Stahlwand als auch am Denkmal aus Klinkersteinen erfolgen. Teilnehmer an Gedenkveranstaltungen können im Schatten des großen Baumes in Blickrichtung Stahlwand Platz finden oder wie bisher zu dem Denkmal aus Klinkersteinen orientiert. Der Standort der Redner richtet sich nach der für die Teilnehmer gewählten Blickrichtung.

Das Konzept für den Gedenkort Klinkerwerk lehnt sich bewusst an den Umgang mit dem Konzentrationslager Sachsenhausen an. Die Wiedererkennbarkeit des Zusammenhangs der Lagereinrichtungen und die Einbindung in den Geschichtspark ließen sich längerfristig z.B. durch eine Einfriedung des Zuganges entlang der Zufahrtstraße mittels Mauerscheiben wie im Hauptlager und eine Herrichtung des Zugangsweges in wassergebundener Wegedecke betonen.

Kamel Louafi mit Dörte Eggert-Heerdegen
Mitarbeit: Karen Zaspel, Patrick Dorsch

Ab 1938 ließ die SS unweit des KZ Sachsenhausen die weltweit größte Ziegelei errichten, um die Baustoffe für die gigantischen Bauvorhaben der NS-Führung in der Reichshauptstadt Berlin zu liefern. Als „Todeslager“ war das Kommando unter den Häftlingen besonders gefürchtet, zumal die SS das Klinkerwerk zum Tatort gezielter Mordaktionen machte. Ab 1943 nutzte die SS das Gelände für die Rüstungsproduktion. Der alliierte Bombenangriff vom 10. April 1945 zerstörte das „Außenlager Klinkerwerk“ fast vollständig. Dabei kamen zahlreiche Häftlinge ums Leben. Bis heute befinden sich im Boden des Geländes sowie im davor liegenden Kanal die sterblichen Überreste zahlreicher Opfer, darunter auch zirka acht bis neun Tonnen Menschenasche aus dem Krematorium des Hauptlagers, welche die SS zu Kriegsende hier beseitigen ließ.

Zwischen 1945 und 1989 wurde das Gelände weitgehend beräumt und große Teile ab 1966 als Übungsgelände der NVA benutzt. Nach der deutschen Einheit sollte das Gelände Gewerbegebiet werden, die Firma Havelbeton erwarb im Bereich des Hafens Flächen. Gleichzeitig machten Überlebende, Opferverbände und Historiker auf die Geschichte des Geländes aufmerksam und beantragten die Unterschutzstellung des ehemaligen „Außenlagers Klinkerwerk“, was 1996 schließlich auch gelang. Ein Jahr darauf wurde von allen Beteiligten einhellig die Errichtung eines Geschichtsparks beschlossen.

Im Jahr 2000 beschloss die Stadtverordnetenversammlung auf der Grundlage einer landschaftsplanerischen Konzeption die Realisierung des „Geschichtsparks Klinkerwerk“. Nachdem der Vorschlag der Gedenkstättenstiftung, den Geschichtspark im Rahmen der Landesgartenschau 2009 zu verwirklichen, verworfen wurde, konnte 2011 eine neue Dauerausstellung zur Geschichte des „Todeslagers“ Klinkerwerk im Bereich des ehemaligen Schießplatzes eröffnet werden.

Präsentation der Entwürfe zur Neugestaltung des Gedenkortes am ehemaligen KZ-Außenlager Klinkerwerk
Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
Straße der Nationen 22, 16515 Oranienburg
Neues Museum (3. Mai bis 1. Juni 2014)
Öffnungszeiten: Di bis So, 8.30 bis 18 Uhr
http://www.landschaftsarchitektur-louafi.de
 
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