Home of the Future_

Wir gratulieren Werner Aisslinger zur Auszeichnung als A&W Designer des Jahres 2014!

Werner Aisslinger gilt als einer der innovativsten deutschen Designer mit internationalem Renommee. 1993 gründete er das «Studio Aisslinger» in Berlin. Experimente, Produktdesign und Architektur bilden zusammen den Aisslinger – Kosmos. Er reicht von seinem tulpenförmigen Sessel «JuliChair»/ 1996 aus Polyurethan-Hartschaum, der im MoMA steht bis zur Vision ChairFarm/ 2012 und erinnert ein bisschen an Jules Verne.

Sein Studio hat der Berliner Designer (geb.1964 in Nördlingen, in der Haidestraße eingerichtet. Eine Adresse für die Kunst und für urbane Transformation zwischen Hauptbahnhof und dem Museum Hamburger Bahnhof. Auf dem Beton liegen diverse Farb- und Materialproben zu einem Bodendiagramm geordnet, dessen Achsen mit Funktionszetteln markiert sind. So also nehmen Ideen gestalt an. Etwa für ein Hotel wie das “95Hours” im Bikini-Hochhaus am Kurfürstendamm, das in diesem Jahr noch eröffnet. Der denkmalgeschützte Bikini-Komplex aus den fünfziger Jahren ist ein Highlight am quirligen Bahnhof Zoo mit Blick auf den Bärenzwinger. Genau diese Dualität hat das Aisslinger-Team, mit “Urban Jungle” zum Thema für die Innengestaltung gemacht: offene Räume, feine Materialien, lässige Sitzlandschaften, selbst Hängematten. Der Dschungel-Bar im zehnten Geschoss kommt der Megatrend Natur zu gute. Ohnehin gilt es als schick, Pflanzen im Innern wuchern zu lassen und tropische Atmosphären zu inszenieren.

“Natur” findet sich auch im Studio. Eine grüne Wand sorgt für eine vegetatible Anmutung und teilt den offenen Raum, der 500 Quadratmeter bemisst. “Mesh” besteht aus einer sich selbst tragenden wabenförmigen Textilstruktur und entstand 2007 für eine Ausstellung in Zürich. Ein Iglu-Modell fügt sich aus Module zu einem Ganzen, weiter stapeln sich Schalensitze der “HampChair”-Prototypen, Lampen und Liegen. Werner Aisslinger ist dabei weniger Autorendesigner, denn Spielmacher. Mit technologischen Überraschungen wie einem selbst wachsenden Sessel, der im Aluminiumgestell auf einer Farm gedeihen könnte(ChairFarm, 2012) hält er nicht nur die Medien auf Trapp. Capellini, Zanotta, Magis, Vitra, Hansgrohe, Mercedes Benz, Adidas, Hugo Boss usw. – so das Who is Who seiner Industriepartner.

Wenn man seine mundgeblasenen Vasen mit ihren Textilabdrücken betrachtet, die der Designer in Zusammenarbeit mit einem Glaslabor in Frankreich herstellt, es sind große schlankbauchige Objekte in schillernden Farben, dann zieht ein Film vor den eigenen Auge vorüber: Die Glasvasen von Patricia Urquiola, der Top-Designerin aus Mailand, die Glasvasen von Philippe Starck in Frankreich – wer in der ersten Liga mitspielen will, muss sich den Formeln stellen, an dem ästhetische und technologische Innovationen gemessen werden. Die heißen ein Jahrhundert lang schon Stuhl, Tisch und Leuchte, dazu Geschirr oder Spielzeug. Aktuell eben Vasen.

Das Material, wie auch das unter Hitze schmelzende Textil, das seinen sinnlichen Abdruck auf dem Glas hinterlässt, ist der Schlüssel zu neuen Entwicklungen, eine Zukunftsformel. Permanent müssen neue Qualitäten gefunden, transformiert, überprüft und veredelt werden, um Produkte realisierbar zu machen. Das ist ein Prozess, bei dem Rückschläge garantiert sind. “Man braucht eben einen langen Atem”, sagt Werner Aisslinger, der gerade für seine HampChair (ein Hanfschalensessel, dessen Naturfaser aus der Automobilindustrie übernommen wurde)eine festere Variante erprobt. Was mich interessiert, ist das strategische Denken, das Technologische.” – Polyurethan-Gel aus der Medizin für Liegen und Stühle, 3D-Stickerei für den Sessel “Network”, den er gemeinsam mit der Gerber GmbH in Plauen entwickelt hat, computergeneriertes Fräsen für “TreeLight”, Naturstoffe mit HighTech-Eigenschaften. Oder die Frage nach modulen Systemen, ein Generalthema seit der Moderne, das er u.a. mit den winzigen Kreuzverbindungsteilen für das Regal “EndlessShelf, 1994” – ein Verkaufsschlager der Firma Porro – durchdekliniert. Dass Aisslinger später Bücher statt Holzplatten als Tragteile nimmt, mag man als Kommentar auf den Plüschtiersessel(“Blanquet”), der Campana-Brüder, ja, lesen. Es war die Hoch-Zeit für putziges Ready made und ironische Kommentare.

Bauhaus und Ulmer Schule, italienisches Design, britischer Minimalismus – alle Erfahrungen, die der einstige UDK-Student(1987 bis 1991), der bei Jasper Morrison und Ron Arad in London gearbeitet und sich dann doch mit größerer Leidenschaft Richtung Süden (Studio de Lucchi in Mailand) orientiert hatte, wird im weiteren Sinn für den Produktdesigner Material. Es entstehen gelungene Serienprodukte (Juli Chair bei Cappellini, “Soft Chaise” – die Liegen, von denen Brad Pitt etliche geordert hatte, Regale, Büromöbel, Lampen….) oder eben Modelle, die als eine Hypothese im Raum stehen bleiben wie der viel zu filigrane Sessel “NETwork”, der auf den technologischen Schub durch die Computerisierung traditioneller Herstellungsverfahren verweist, Schönheit bis an die Grenze des Funktionalen auslotet und – dann still reifen muss, bis Chemiker ein noch besseres Harz entwickelt haben oder sonst ‘was, damit das Ding auch hält, wenn sich ein Neunzig – Kilo – Mann reinplumpsen lässt.

Die Dinge bis an ihre Grenzen zu treiben, bis es (vorerst) nicht mehr geht- das ist was Werner Aisslinger gern macht, was ihn ausmacht, was an Jules Verne erinnert – oder an einen großen Jungen, der seine Bausteine zu sonderbaren Gebilden zusammenfügt und wortreich erklärt, dass mit seinem Legoraumschiff die Reise zum Mars beginnt. Zu den vielleicht beiläufigsten aber in seiner minimalen Formensprache und Poesie schönsten Produkten gehört die Tischleuchte “Behive” für Foscarini. Sie steht im Loftcube(2003/7)und erfreut sich damit eines Umraumes von 35 Quadratmetern, der zu den elegantesten Visionen und berühmteste Zitaten des Designers gehört, ein White Cube für betuchte Nomaden. Als Visionär sieht man die Flachdächer von Millionen Plattenbauen, auf die ein solch transparentes Gehäuse einschweben kann. Real leuchtet der Wohnkubus weiß aus dem Gebüsch im Zehlendorfer Haus am Waldsee und er funktioniert als Insel im Grünen in den belgischen Ardennen, wo ein Designliebhaber Aisslingers Kleinarchitektur als Ergänzung zu einem Hotel auf die Wiese gestellt hat. Auch der Nachfolger, der etwas größere und von Holzlamellen umhüllte Tiroler Fincube(2009), der als ökologisch empfindsameres Pendant preisgekrönt wurde, wartet noch auf den großen Durchbruch.

Werner Aisslingers Lieblingsbeschäftigung ist die Zukunft. Die Designer-Gedanken kreisen um das Wohlleben, das wir uns alle wünschen, “samt Minimierung des CO2 – Fußabdrucks”. Das Studio in der Haidestraße wirkt dabei wie ein Ballungsgebiet der Ideenfindung. Mit Computer und Bleistift, digital und analog wird hier gearbeitet. Tausende Zeichnungen füllen die Skizzenbücher. Irgendwo steht das Hängesofa “basket”(Vitra, 2008). Man denkt an eine Hollywoodschaukel aus den Sechzigern, an Sonne und Pool oder an Spießigkeit im Schrebergarten. Ihr Comeback fürs Büro reagierte auf eine veränderte urbane Arbeitswelt. Die Dienstleistungsgesellschaft hat sowohl den überlangen, zeitlich entgrenzten Arbeitstag hervorgebracht wie die hedonistische Attitüde, mit der partylike die Selbstausbeutung kaschiert wird. Ein Schaukelsofa im Büro suggeriert Entspanntheit und gewährt ein Reset des Gehirns im sanften Hin und Her.

Katja Blomberg, Kuratorin der programmatische Werkschau “The Home of the Future”, erläutert das Designverständnis mit dem Satz:” Nicht allein “Form follows function, sondern function follows material.” Bis zum Frühsommer zeigte sich die Waldhaus-Villa in Zehlendorf in einem harlekinesken Kleid. Nein, nicht Op-Art, nicht Hunderwasser-Haus und auch keine Verhüllungsskulptur wie von Christo und dennoch von allem etwas. Werner Aisslinger hatte dem Haus am Waldsee einen Patchworkstoff übergestülpt. Es war ein symbolischer Akt, der die Denkrichtung beschreibt: “Die Zukunft liegt nicht in der Erfindung von Neuem sondern in der Optimierung des Alten.” “Upcycling”, nennt es der Designer. In diesem Fall signalisiert der Hausüberzug eine energetische Zukunftspotenz. Solare Energie, deren “Auffangtechnologie” heute noch in einer Frühphase der Entwicklung steckt, könnte in Bälde von textilen Strukturen absorbiert werden. Der Markt wartet nicht und die Zeit drängt. “Home of the Future” ist ein visionäres Programm, das neue Technologien vor allem unterhaltsam kommuniziert. Die Küche in spe etwa gleicht einem Laboratorium, in dem die Bioprodukte im Regal gedeihen – Speisepilze auf Kaffeesatz und Tomaten, Salat und Kräuter aus dem Dung der essbaren Fische, die sich im Aquarium eine Regalebene tiefer ernähren. Das “Regalbiotop” basiert auf dem Konzept Aquaponik, das 1985 in den USA entwickelt wurde und Großanbieter wie Hobbyaquaristen weltweit fasziniert. Aber küchengerecht, kleinformatig, individuell wurde es hier Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Topfarmer/ Berlin in Anwendung gebrach.

Philippe Grohe, Jahrgang 1967, managt den Funktionsbereich Axor des Bad-Globalplayers aus dem Schwarzwald. Er hat sich von Werner Aisslinger begeistern lassen, die Suche nach dem Bad als neuem Lieblingslifestylethema in Richtung Textil auszuweiten. Eine Badewanne aus Stoff? Ein weiches Waschbecken? Die Eigenschaft selbst technischer Textilien weniger hart, gar kalt oder fest zu wirken und die Wohlfühloase somit sinnlicher zu gestalten, verband der Wahlberliner mit einem Öko-Know-how, das dem Wüstenkäfer Stenocara, abgeguckt wurde, der mit feinen Härchen Wasser aus dem Morgennebel absorbieren kann (Magazin “nature”). Hier wird der Wasserdampf, der beim Duschen entsteht von Textiloberflächen aufgenommen und an Grünpflanzen weitergereicht. Im EU-Jahr des Wassers ist diese Wasserspar-Innovation ein denkwürdiger Kommentar.

Die Zukunft ist eben nicht einfach das, was passiert sondern eine Zeit, deren Fragen vorweggenommen werden müssen. Man könnte dabei meinen das Future, das sich ja stetig realisiert, gehorche Wellen. Das hat mit den Utopienwahrnehmungen, mit ihren Desillusionierungen und dem Wiederaufgreifen zu tun. So erinnern Werner Aisslingers Wabenmodule, für die grünen Raumteiler “Mash”, sondern auch für Sitzinseln (“Coral Modules”, 2009) und Lampen herhalten, rein formal schon an die Visionen der Sechziger als Richard Buckminster Fuller, der in diesem Jahr wiederum seinen 30. Todestag hat, seine geodätischen Dome für ein offenes, soziales Leben oder die Struktur “Biosphére” (1967 Weltausstellung in Montreal) entwickelte. Blase, Bienenwabe und Polyeder, die, folgt man den Utopisten, dem Menschen mehr gemäß seien als der rechte Winkel, feiern gerade allenthalben ein Comeback. Sie erinnern an die großen Wissenschafts- und Technikschauen Ost wie West, an die irritierende Symbiose von immenser militärischer Forschung und marginaler ziviler Nutzung, an Allmachtsglaube und Verausgabung des noch jungen Kybernetikzeitalters und erinnern an Stanislaw Lem, den polnischen Sience Fiktion Erzähler. Die utopischen Gebilde verbunden mit Weltverbesserungs-vorstellungen haben sich weniger durchsetzten lassen. Ungeachtet dessen geht es heute selten irgendwo optimistischer zu als in den “Wunderkammern” der Designer.

Anita Wünschmann, Journalistin, Berlin

www.25hours-hotels.com

www.aisslinger.de

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