Eine Reise zu den außergewöhnlichsten Bädern in Mitteleuropa_

Iris Meder:
„Badefreuden: Eine Reise zu den außergewöhnlichsten Bädern in Mitteleuropa“

Metro-Verlag, Wien 2011, 192 Seiten
25,00 Euro

Auf die Autorin Iris Meder übt die Architektur mit benutzbaren Wasserflächen offenbar eine ganz eigene Faszination aus. Sinnlicher, als es die in Wien lebende Architekturhistorikerin in ihrem Vorwort beschreibt, lässt sich Bäderarchitektur kaum evozieren, kann man Wasser und damit dieses Buch kaum schmackhafter machen:

“Das zugleich entmaterialisierende, transparente, Architektur und Umgebung spiegelnde Element Wasser verbindet sich mit einer speziellen Akustik von Plätschern, Sprudeln und dem Hall von Stimmen und Bademeister- Pfeifen, die Atmosphäre der Luft prägen Dampf, Wärme und Feuchtigkeit auf der entblößten, Hitze und Kälte gegenüber schutzlosen Haut. Hinzu kommen olfaktorische Reize von, je nachdem, Chlor, Schwefel, ätherischen Ölen, Sonnencreme, Grillkohle und Frittierfett.”

Mit einer aquatilen Neigung und Begeisterung hat Meder die Wassertemperatur von architektonisch herausragenden Frei- und Hallenbädern, Wassergrotten und Badetempeln aller Stilphasen in Mitteleuropa mit Tendenz zum Süd-Osten großteils persönlich getestet. Ihr Schwimmradius erfasste Bäder vom Elsaß über Süddeutschland bis zu einem guten Teil des alten k.u.k. Österreich-Ungarn in seiner Ausdehnung bis in die Slowakei und nach Slowenien. Dazu kommen noch die Schweiz und vereinzelte, inhaltlich motivierte Exkurse wie nach Bellinzona oder Rom.

Anstelle eines separaten historischen Kapitels sind die überaus kenntnisreichen Einordnungen in die Architekturgeschichte, in den kulturhistorischen Kontext oder in den Werkzusammenhang der jeweiligen Architekten in die Beschreibungen der Bäder eingeflossen. Die geschmeidige Unaufdringlichkeit dieser Sachinformationen in zudem gut überschaubaren Einzeltexten gereicht zum Quell der Freude. Wer sein Quietscheentchen mal im obskuren Kuppellicht eines orientalischen Hamams oder in Budapests mondänem, vor Belle Epoque strotzenden Széchenyi-Bad “gassi” plantschen lassen möchte, wer besser im Nonplusultra des brutalistischen Freibadbaus der 1960er Jahre entspannen kann, wer dazu lieber über den Dächern Zürichs kraulen oder auf den Spuren von Erzherzog Ludwig Viktor (genannt “Luziwuzi”) in die verruchtesten Katakomben Wiens hinabsteigen will, der findet hier jede Menge Anregungen.

Dabei ist es kein Reiseführer mit Eintrittspreisen, Öffnungszeiten oder Parkmöglichkeiten, sondern ein leichtes Bilder- und Lesebuch im handlichen Mittelformat, das natürlich auch viele Entdeckungen zur aktuellen, avantgardistischen Wellness-Architektur bietet. Allerdings wären angesichts der länderübergreifenden Kapitelstruktur Überblickskarten hilfreich. Eine Fortsetzung zu den Thermen in anderen Regionen Europas darf erhofft werden, denn die erfreuliche Bildauswahl macht feuchte Augen und Meders Formulierungen haben immer Oberwasser.

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