die dritte haut_

Ein Praxis-Gespräch mit Ernst Ulrich Tillmanns von 4a Architekten.

Wie viel Farbe verträgt ein Gebäude? Das hängt von der Bauaufgabe ab, werden die einen sagen. Und vom Architekten, wissen die anderen. Am Ende ist es der Mut zur Farbe, der auf allen Seiten vorhanden sein muss. Bestes Beispiel: Die neue Therme in Bad Ems.

Die Emser Therme in Bad Ems bei Koblenz wurde kurz vor Weihnachten 2012 eröffnet und setzt ihren Fokus auf auf Gesundheit, Erholung und Wohlbefinden.

Thomas Geuder: Herr Tillmanns, sprechen wir über Farbe. In der Firmenphilosophie von 4a Architekten liest man von Atmosphären, vom Gestalten für und mit dem Menschen und über das Experimentieren mit den Elementen Raum, Material, Farbe, Licht und Grafik. Ich finde, das sieht man deutlich an Ihren Arbeiten. Vor allem ohne die «Farbe» – ob nun als Anstrich oder aus dem Material – kommt keines Ihrer Bauwerke aus. Welchen Stellenwert hat für Sie Farbe in unserer heutigen Welt?

Ernst Ulrich Tillmanns: Farbe ist natürlich eine ganz wichtige Sache. Schaut man zum Beispiel gerade aus dem Fenster, sieht man: Es schneit, es ist ein bisschen trostlos, die Bäume sind kahl, nichts blüht. Da freut man sich doch immer wieder auf den Frühling, wenn die Natur erwacht, wenn die Farben wieder zurückkommen. Über das etwas farblose halbe Jahr kann man sich mit Farbe im Gebäude schon ein wenig hinweg helfen. Farbe ist unheimlich emotional. Sie kratzt und nagt an einem, sie macht einem das Herz auf. Und deshalb meinen wir auch: Genau das lässt sich gut in die Architektur hinein transportieren, mit großer Wirkung. Farbe kostet nichts – das ist zwar nicht ganz richtig, aber ob eine Wand nun weiß, rot oder grün gestrichen wird, macht finanziell keinen großen Unterschied. Die emotionale Wirkung aber ist entscheidend anders.

Das heißt also: Unsere Welt sollte etwas farbiger werden?

Man darf es natürlich nicht übertreiben und muss immer schauen, wo und wie man Farbe einsetzt. Vor allem bei Bädern, wo Räume besonders emotional sind. Denken Sie da etwa an ein Bad aus den 1960er-Jahren, in dem alles weiß gefliest ist. In einem Bad hat man doch quasi nichts an. So ist das Bad im Grund die dritte Haut, mit der man hier in direkten Kontakt tritt. Da ist es einfach wichtig, emotional auch etwas zurückzugeben. Hier kommt die Farbe ins Spiel, und natürlich auch die Materialität.

Warme Farben und Materialien, versetzt mit farblichen Akzenten, prägen den Innenraum.

Wie gehen sie beim Entwerfen an das Thema Farbe heran?

Ganz unterschiedlich. Schaut man sich unsere Thermen einmal näher an, erkennt man natürlich auch eine gewisse Entwicklung: Bei dem Projekt «TuWass» zum Beispiel haben wir an der Decke sehr viel mit Farbe gearbeitet. Das Gebäude befindet sich in einer parkähnlichen Situation, bei dem wir das Thema „Bäume“ ins Gebäude geholt und an die Decke als eine Art Pixel-Bild projiziert haben, in Form von grünen und farbigen Holztafeln. Hinterher haben wir festgestellt, dass man hier durchaus noch mehr hätte machen können, die Farben hätten noch kräftiger sein können. Bei der Spreewald Therme sind wir dann einen Schritt weiter gegangen, auch bei der Bodensee Therme, wo uns die Segelboote mit ihren farbigen Spinnakern inspiriert haben. In Bad Ems schließlich sind wir eher wieder einen Schritt zurückgegangen, mehr in Richtung Materialfarbe. So haben wir zum Beispiel an den Decken mit Holz gearbeitet, denn Holz hat eine sehr schöne, warme Wirkung.

Und dem gegenüber befindet sich am Boden dann eine Fliese mit einem etwas erdigeren Farbton.

Ja, die Fliese ist eigentlich sogar anthrazitfarben. Auch das handhaben wir bei unseren Thermen unterschiedlich: Manchmal nehmen wir helle Farben am Boden, manchmal dunklere. In diesem Fall haben wir uns gesagt, dass wir auf einen dunklen Ton gehen wollen, weil der den Menschen gut erdet und man gut darauf steht. Ein gutes Gegenüber für die Decke also.

Kieselsteine sind das Vorbild für fast alle Formen des Neubaus, wie beispielsweise an der langen Wand, die mit verschiedenfarbigen Fliesen-Mosaiken bespielt ist.

Sprechen wir an diesem Punkt also von der architektonischen Idee der Emser Therme.

Bei unseren Entwürfen versuchen wir immer, Konzepte zu entwickeln, die zum jeweiligen Ort passen. In Bad Ems, wo das Grundstück direkt an dem Flüsschen Lahn liegt, haben wir mit der Idee des Flusskiesels gespielt, der ans Ufer gespült wurde und dort wie zufällig liegen geblieben ist. Auch der große Baukörper besitzt eine Art Kieselform durch die runden Ecken, Gläser usw. Im Innenraum gibt es «Kieselsteine»: Die Gastronomie, der Shop und die Sauna sind wie Steine ins Gebäude hinein gewürfelt. Die Fensterausschnitte der Straßenfassade haben eine Kieselform, die Becken erinnern daran, die Nischen in der Betonwand, die Leuchten usw. Wir haben also versucht, dieses Thema durchgängig anzuwenden – und das gibt dem Gebäude letztendlich auch seine Stimmigkeit.

Und überall sieht man kräftige Farbtöne. Wie haben Sie diese entwickelt?

Bei jedem unserer Entwürfe suchen wir ein neues, individuelles Thema. Die Spreewald-Therme ist wie gesagt noch stark in Grüntönen gehalten. Neben ihr haben wir übrigens gerade ein Hotel gebaut, bei dem wir zwar auch sehr viel mit Farbe gearbeitet haben, hier aber mit Rot-, Violett- und Orange-Tönen. Bei der Therme in Bad Ems haben wir uns gesagt: OK, das Baden gerade hier in Bad Ems ist besonders gesundheitsorientiert: kalt-warme Badeverfahren, den Körper also aufheizen und wieder abkühlen. Deswegen haben wir uns hier für Blau und Rot entschieden – ein Spiel, mit dem man gut arbeiten kann und das wir versucht haben, konsequent umzusetzen. So haben die Kaltbecken die starken Blautöne, das Heißbecken ist rot …

… und die Saunen sind noch roter.

Genau, die sind sogar richtig kräftig rot. Wir arbeiten gerne mit kräftigen, leuchtenden Farben, weniger mit diesen abgedämpften Farben, die oft sehr müde rüber kommen.

Nicht nur die Sauna, auch das Dampfbad unterstreicht mit der Farbgebung, dass es hier warm zugeht.

Wie gehen Sie beim Gestalten dieser „inneren“ Haut vor: Denken Sie sich erst ein Design aus, für das Sie dann das richtige Produkt suchen, oder lassen Sie sich vom Produktportfolio eines Herstellers inspirieren und richten dann Ihre Planung nach dem vorhandenen Angebot aus?

Wir definieren für uns die Farben und schauen dann bei den Herstellern, was der anzubieten hat. Wenn wir mit den Mosaiken arbeiten, schauen wir aber auch, was die Hersteller in ihrem Farbspektrum anbieten. Meist gibt es Möglichkeiten, aus verschiedenen Farben wieder etwas Neues zu mischen. Das sieht man zum Beispiel sehr gut in Bad Ems bei den erwähnten Nischen in der Wand, die sich vom Farbton her immer leicht unterscheiden. Wir definieren die Mischungsverhältnisse genau, lassen uns danach Muster machen, und nach ein paar Mal hin und her wird dann die endgültige Farbmischung definiert.

Gerade bei solchen Fliesen-Mosaiken ist das sicherlich ein spannender Prozess.

Richtig. Wir machen das hier im Büro so: Jede Projektgruppe breitet die Original-Materialien aus dem gesamten Gebäude auf dem Boden oder an der Wand aus und aktualisiert diese während einer Projektphase immer wieder. So sieht man am schnellsten, ob eine Farbe noch nicht stimmt und eventuell ausgetauscht werden muss. Mit der Zeit bekommt man für ein Projekt ein immer detaillierteres Farb-Material-Gefühl.

Dann ist es Ihnen am Ende wohl auch wichtig, einen Hersteller an der Seite zu haben, der einem bei Form und Farbe große Freiheiten lässt.

Absolut. Wir sind fast schon darauf angewiesen. Agrob Buchtal – um beim Beispiel der Emser Therme zu bleiben – unterstützt uns bei alledem hervorragend. Die bringen auch die notwendigen Zertifikate, was übrigens auch ein ganz wichtiger Punkt ist. Denn man muss immer auch Produkte einsetzen, die dieser wahnsinnigen Belastung standhalten. Stichpunkt Rutschfestigkeit. Auch dürfen sich die Oberflächen durch Reinigungsmittel nicht verändern. Man muss heutzutage wirklich aufpassen, dass man nicht mit irgendeiner Firma Schiffbruch erleidet.

Blau ist nicht gleich Blau: Die Mosaik-Fliesen sind aus verschiedenen Nuancen modular kombinier- und letztendlich arrangierbar.

Bei Agrob Buchtal gibt es – soweit ich weiß – auch einen Architekten-Service, den Sie dann wahrscheinlich gerne beanspruchen.

Genau. Es gehört auch zu unserer Arbeitsweise, die Hersteller und Firmen mit einzubeziehen. Man muss ja auch ehrlich sein: Die wissen viel mehr als wir zu ihrem Produkt. Am Ende sind wir Generalisten, die sich in allen Gewerken auskennen müssen. Deswegen sind wir natürlich nicht ganz so tief in jedem einzelnen Thema drin. So nehmen wir die Unterstützung und Kompetenz der Hersteller gerne an. Und letztendlich kann man so auch bessere Erfolge erzielen. Man kommt viel weiter, als wenn man meint, alles selbst machen zu müssen.

Abschließend, Herr Tillmanns: Haben Sie in der kurzen Zeit seit Eröffnung eigentlich schon Feedback von Besuchern der Emser Therme erhalten?

Haben wir. Auf Facebook zum Beispiel gibt es einige Rückmeldungen, die durchweg positiv sind. Aber auch sonst im Internet wird das Projekt rege angeklickt – man scheint also schon drauf zu achten, was wir tun.

Vielen Dank für das Gespräch.

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