Baumpflanzungen im urbanen Bereich_

Herausforderungen & Lösungsansätze

Dipl.-Biol. Dr. Markus Streckenbach, Sachverständigenbüro für urbane Vegetation

Die notwendigen Maßnahmen zur Milderung der Folgen des Klimawandels umfassen in allen Bereichen eine Förderung der urbanen Vegetation. Dem Handlungsbedarf steht jedoch eine Reihe von bislang ungelösten Fragestellungen gegenüber, die von der zukünftigen Artauswahl bis zur Gestaltung von Baumstandorten reicht. Um die hohen an sie gerichteten Anforderungen zu erfüllen, müssen die Lebensbedingungen für Bäume an ihrem Standort ober- und unterirdisch so beschaffen sein, dass die Entwicklung und Entfaltung der Gehölze langfristig optimal gewährleistet ist.

Schätzungen zufolge werden bis zum Jahr 2030 etwa 5 Milliarden Menschen in Städten wohnen. Die voranschreitende Urbanisierung stellt hohe Anforderungen an die Stadtentwicklung, die sich in einem Spannungsfeld zwischen soziologischen, ökologischen und ökonomischen Aspekten bewegt. Die Lebensqualität der Stadtbewohner hängt zum einen vom Zustand der technischen Infrastruktur, d.h. von einer funktionierenden Ver- und Entsorgung ab, zum anderen kommt der vorhandenen Vegetation im Geschäfts- und Wohnumfeld eine nicht zu unterschätzende Rolle zu. Der Typus und der Zustand des öffentlichen Grüns entscheiden maßgeblich mit darüber, ob sich die Menschen hier wohl fühlen. Dabei sind jedoch nicht nur die objektiven Eindrücke ausschlaggebend. Das Bedürfnis nach Natur ist der ursprüngliche Grund für die Einbindung der Vegetation in unsere Städte.

Für den sich positiv auf das Wohlbefinden auswirkenden Einfluss des Grüns hat sich der Begriff der Wohlfahrtswirkung etabliert. Er beschreibt die vielfältigen, insbesondere von Bäumen ausgehenden Effekte, die sich wissentlich und unwissentlich auf die Stadtbewohner auswirken. Die Unschärfe dieses Begriffes hat jedoch dazu geführt, dass dieser den gegenwärtig meist ökonomisch geprägten Aspekten in Diskussionen um das öffentliche Grün nicht gleichberechtigt gegenübergestellt werden kann. Eine moderne und nachhaltige Bewirtschaftung von Vegetationsbeständen muss sich auch an wirtschaftlichen Maßstäben bemessen lassen. Der Gewinn, welcher sich aus einer Baumpflanzung ergibt, lässt sich mittlerweile mit einer hoher Präzision für Gesamtbestände und Einzelbäume ermitteln.

Städtisches Grün: Vom Kostenfaktor zum Leistungsträger

Mit Hilfe des von verschiedenen Fachinstitutionen entwickelten, kostenfreien und praxisbewährten Programms i-Tree, ist eine gezielte ökologische Bewertung des urbanen Grüns möglich, so dass sich die daraus abzuleitenden Einsparungen direkt in monetären Werten angeben lassen (www.itreetools.org). Die belastbaren Daten ermöglichen die Darstellung des öffentlichen Grüns weg von der Betrachtung als Kostenfaktor und hin zu einem Leistungsträger. Hierdurch werden auch die Anstrengungen unterstützt, dem politischen Auftrag einer stärkeren Durchgrünung der Städte besser als bisher nachzukommen. Der gestiegene Bedarf an Vegetationsflächen und Baumpflanzungen leitet sich jedoch nicht von dem Wunsch zu mehr Naturnähe ab, sondern beruht auf den Folgen des vom Menschen verursachten Wandels des weltweiten Klimas.

Mit höheren Anforderungen an Baumpflanzungen wachsen auch die Herausforderungen

Neben den direkten klimatisch bedingten Einflüssen wie der zunehmenden Trockenheit, ausgeprägten Hitzeperioden und lokalen Sturm- und Starkregenereignissen, sind Baumpflanzungen in einem zunehmenden Maße von den Folgen betroffen, die das veränderte Klima in zweiter Front nach sich zieht. Hierzu zählt sowohl das vermehrte Auftreten bzw. die gesteigerte Fertilitätsrate und Überlebensfähigkeit von Baumschädlingen, als auch das geänderte Freizeitverhalten der Stadtbewohner. Auf dieses reagieren beispielsweise die Gastronomen in den Fußgängerzonen – mitunter mit verheerenden Auswirkungen für Bäume.

Es ist mittlerweile für Mitteleuropa nicht ungewöhnlich, dass die Temperaturen bis weit in den Dezember hinein dazu Einladen draußen zu verweilen. So auch in den Straßencafes einer 2009 komplett, d.h. mit Baumstandorten neu angelegten Fußgängerzone. Um den Komfort der Gäste zu erhöhen, werden dort neben wärmenden Decken, insbesondere in den Abendstunden, gasbetriebene Heizstrahler an den Tischen postiert. Dies geschah offensichtlich, jedoch zunächst unbemerkt, auch in direkter Nähe zu den neu gepflanzten Bäumen. An den Stämmen der betroffenen und sich bis dahin prächtig entwickelnden Amberbäume (Liquidambar styraciflua), bildeten sich daraufhin derartig tiefe und großflächige Nekrosen, dass die Bäume im darauffolgenden Frühjahr gefällt werden mussten.

Wenngleich dieses ungewöhnliche Beispiel nicht die größte Herausforderung für zukünftige Baumpflanzungen darstellt, so zeigt sich an diesem Exempel um so eindringlicher die Notwendigkeit für Aufklärung. So wenig wie dem Gastronom eine bösartige Absicht unterstellt werden soll, so wenig soll dies dem Anwohner unterstellt werden, der in Sorge um seine Haftungspflicht im Winter großzügig baumschädigendes Streusalz ausbringt. Während dem Großteil der Bevölkerung eine gewisse Unkenntnis über biologische Zusammenhänge zugestanden werden soll, so kann auf der anderen Seite ein zumindest grundlegendes Verständnis von denjenigen erwartet werden, die sich beruflich mit Bäumen beschäftigen. Trotzdem treten die Missverständnisse, welche sowohl bei planenden als auch bei ausführenden Gewerken bestehen, immer wieder und auch für den Laien deutlich erkennbar in Erscheinung.

Lösungsansätze

Erhalt und Schutz bestehender Baumplanzungen

Die Neugestaltung öffentlicher Plätze geht oftmals mit einer Entfernung des vorhandenen Baumbestandes und einer Neupflanzung von Bäumen einher. Je nach Schwere der Vorschädigungen kann dies im Einzelfall notwendig werden oder zumindest eine probate Alternative darstellen. Nachweislich geht jedoch der größte ökonomische und ökologische Nutzen von großen älteren Bäumen aus. Im Gegensatz zu Straßenmobiliar, wie Bänken oder Lichtanlagen, deren Werte mit zunehmender Standzeit fallen, steigt also der Wert eines Baumes mit seinem Alter. Es ist nicht nur deshalb durchaus lohnenswert alte Bäume zu erhalten. Eine erfolgreiche Integration größerer Bäume in eine von Grund auf neu gestaltete Fläche kann um so besser gelingen, je eher qualifizierte Sachverständige hinzugezogen werden und je enger die verschiedenen Gewerke miteinander arbeiten.

Die Neugestaltung eines Kirchenvorplatzes sah vor, diesen auch als Festplatz nutzen zu können. Die neue Fläche sollte bis nahe an die Stämme von insgesamt vier dort bereits vorhandenen alten Bäumen mit einem Granitbelag versehen werden. Das mit der Ausführung beauftragte Unternehmen, die Dieckmann Bauen + Umwelt GmbH (Osnabrück), erarbeitete daraufhin in Zusammenarbeit mit den Landschaftsarchitekturbüros Gernemann (Osnabrück/Münster) und Herziger-Holzapfel (Hamburg) sowie den Baumsachverständigen M. Wilde (Lengerich) und K. Schröder (Lotte/Osnabrück) ein Konzept für den dauerhaften Erhalt der Bäume.

Das Einbinden der Bäume in die neu zu erstellende Anlage begann bereits vor der eigentlichen Maßnahme. Da trotz sorgfältigster Ausführung der Arbeiten Wurzelverluste nicht zu vermeiden sind, musste beispielsweise das Kronenvolumen der Bäume durch baumpflegerische Maßnahmen an die zukünftige Masse von Wurzeln angepasst werden. Weitere vitalitätsfördernde Maßnahmen wurden daraufhin parallel zur Entsiegelung des alten Platzes durchgeführt, wobei der Fokus auf dem Schutz des Wurzelraumes der Bäume lag. Federführend war hier die Firma P. Stockreiter (GaLaBau und Baumpflege, Mettingen).

Während der Arbeiten wurde strikt darauf geachtet, das Austrocknen von freigelegten Wurzeln durch wiederholtes befeuchten und abdecken unbedingt zu vermeiden. Der Einbau von Betonpunktfundamenten im Kronenbereich der Bäume stellte dann erneut eine kritische Passage dar. Diese Pfeiler tragen die individuell für diesen Standort angefertigten Wurzelschutzbrücken der Firma Humberg Metall- und Kunstguss (Nottuln), die eine Gesamtfläche von mehr als 130 m2 bedecken und mit deren Hilfe eine Verdichtung der Wurzelräume nachhaltig verhindert wird. Den vorläufigen Abschluss bildete die Errichtung eines Planums auf dieser Tragkonstruktion, zur anschließenden Herstellung der vorgesehenen Pflasterung.

Dank einer hervorragenden Planung und der vorbildlichen Ausführung der Arbeiten in enger Kooperation aller Beteiligten, gelang es an dieser Stelle somit nicht nur Natur und Technik zu vereinen, sondern zugleich die Lebensbedingungen der betreffenden Bäume zu verbessern, womit auch ihr Wert in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen wird.

Moderne Bauweisen für eine nachhaltige Entwicklung von Baumbeständen

Innerstädtische Baumstandorte stellen in aller Regel zugleich auch extreme Standorte dar. Dies äußert sich am deutlichsten in einer zum Naturstandort oftmals merklich verringerten Lebenserwartung der dort wachsenden Gehölze. Die Umgebungsbedingungen können mitunter so harsch sein, dass Baumpflanzungen bereits nach wenigen Jahrzehnten erneuert werden müssen. Dabei ergibt sich jedoch zugleich die Möglichkeit, die neuen Standorte so zu gestalten, dass sowohl straßenbau- als auch vegetationstechnische Anforderungen erfüllt werden. Moderne Bauweisen bedienen sich hierfür strukturoptimierter Substrate, deren Entwicklung vor etwa 30 Jahren begann und die mittlerweile regelmäßig Verwendung finden.

So wurde in den zurückliegenden Jahren ein vielversprechendes Konzept zur Gestaltung von Pflanzgruben entwickelt, welches seit dem höchst erfolgreich an vielen Stellen der Stadt Stockholm (S) umgesetzt wird. Die Methode sieht durch die Erhöhung des Skelettanteils im Boden vor, ein Stützgerüst für den Lastabtrag zu errichten und zugleich ein dauerhaft leicht durchwurzelbares Bodenvolumen herzustellen. Die Vorzüge dieses Verfahrens liegen in der leichten Umsetzbarkeit und Flexibilität, einer weitestgehenden Unabhängigkeit von speziellen Produkten und der Möglichkeit, Aspekte der Regenwasserbewirtschaftung einzubinden.

Regelmäßig durchgeführte Kontrolluntersuchungen zeigen, dass diese praxiserprobte Vorgehensweise bislang nur Vorteile bietet. Die Bäume reagieren auf die Standortbedingungen mit einem regelrecht „freudigem“ Wachstum und ihre außerordentlich gute Vitalität lässt nicht zuletzt erwarten, dass sie die anspruchsvollen an sie gestellten Anforderungen über viele Jahrzehnte bestens werden erfüllen können!

Wenngleich die vorgestellte Methode nicht universell einsetzbar ist und auf die Gegebenheiten vor Ort abgestimmt werden muss, so stellt sie den aktuellen Stand der Technik dar. In einem interdisziplinären Forschungsverbund werden derzeit auf internationaler Basis Forschungs- und Entwicklungsprojekte zum Thema bearbeitet, um Antworten auf bislang ungeklärte Fragestellungen zu erhalten. Unter anderem gestaltet sich die Einleitung von Regenwasser in die Baumstandorte beispielsweise in Deutschland weitaus weniger einfach, so dass hier noch Entwicklungsarbeit notwendig ist. Eine detaillierte Beschreibung der Hintergründe, mit vielen Beispielen und Zeichnungen zu den Bauweisen liefert ein kostenfrei in englischer, deutscher und französischer Sprache von der Stadt Stockholm herausgegebenes Handbuch zur Pflanzraumgestaltung. Zu finden ist es im Unterpunkt „Trees“ auf der Seite: http://international.stockholm.se/Politics-and-organisation/A-sustainable-city/.

www.streckenbach.org

Mit herzlichem Dank an Klaus Schröder, Örjan Stål und Johan Östberg für die zur Verfügung gestellten Informationen.

 

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